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Frachtdrohnen sollen Medikamente in abgelegene Gebiete bringen

Tom Plümmer will mit Wingcopter eine weltweite zivile Drohnen-Infrastruktur aufbauen

Donnerstag, 13 August 2020 17:37
Tom Plümmer will mit Wingcopter eine weltweite zivile Drohnen-Infrastruktur aufbauen Quelle: Wingcopter

Darmstadt – In Deutschland sind bald 500.000 Drohnen im Einsatz: rund 455.000 von ihnen werden privat und 19.000 kommerziell genutzt. Das sind Zahlen aus einer Analyse des deutschen Drohnenmarktes vom Februar 2019. Demnach nutzen die professionellen Anwender ihre Fluggeräte selten nur für einen Zweck, sondern setzen sie für unterschiedlichste Aufgaben wie Vermessung, Kartierung und Filmaufnahmen ein. Hierzulande gibt es knapp 400 Drohnen-Unternehmen, die im Schnitt drei Jahre alt sind und zwölf Mitarbeiter haben. Laut der Studie beschäftigen sich etwa 10.000 Menschen in ihrem Beruf schwerpunktmäßig mit Drohnen. Seit dem Jahr 2012 flossen 170 Millionen US-Dollar in deutsche Unternehmen, die sich auf Drohnen und Flugtaxis spezialisiert haben. Anfang letzten Jahres hatte der hiesige Drohnenmarkt ein Volumen von 574 Millionen Euro. Dabei entfielen weit mehr als 400 Millionen Euro auf den kommerziellen Sektor. Im Ranking der weltweit größten kommerziellen Drohnenmärkte belegt Deutschland nach den USA, China und Frankreich einen guten vierten Platz. Und der deutsche Markt wird weiter wachsen.

Davon sind zumindest die Autoren der Marktstudie des Verbandes Unbemannte Luftfahrt (VUL) überzeugt. Sie schreiben: „Die Zahl der einsatzbereiten Drohnen in Deutschland wird sich bis 2030 auf rund 850.000 erhöhen. Während das Wachstum im Bereich der privaten Nutzung abflacht, nimmt die Zahl der kommerziell genutzten Drohnen auf 126.000 zu. Zurzeit wird in Deutschland nur eine von 24 Drohnen kommerziell betrieben, 2030 wird es eine von sechs Drohnen sein. Der deutsche Drohnenmarkt wird bis 2030 von 574 Millionen Euro auf fast drei Milliarden Euro anwachsen, was einer jährlichen durchschnittlichen Wachstumsrate von 14 Prozent entspricht. Das Wachstum wird vor allem durch den kommerziellen Markt getrieben.“ Für die Entwicklung der weltweiten Drone-Economy reichen andere Schätzungen von 90 Milliarden US-Dollar in den nächsten zehn Jahren bis zur Riesensumme von 1,5 Billionen Dollar bis 2040.

Von diesen Wachstumspotenzialen will auch die in Darmstadt ansässige Wingcopter Holding GmbH & Co. KG profitieren, die multifunktionale Drohnen für Logistik, Vermessung, Aufklärung und Inspektion entwickelt und produziert. Wingcopter bezeichnet sich als preisgekrönten Hersteller „unbemannter eVTOL-Flugzeuge, der sich der Verbesserung des Lebens von Menschen weltweit durch sinnvolle kommerzielle und humanitäre Anwendungen widmet“. Das Start-up konzentriert sich auf die Lieferung medizinischer Güter, Pakete und Lebensmittel mit Frachtdrohnen. Eigenen Angaben zufolge hat man schon mehrere Awards für seine innovative Technik gewonnen, die helfen soll, die Medikamenten- und Lebensmittelversorgung in abgelegenen Gebieten zu verbessern. Wingcopter absolvierte beispielsweise eine sechsmonatige Pilotphase in Ostafrika. Zusammen mit DHL und der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat man in Tansania die Belieferung ländlicher Krankenhäuser mit Medikamenten im Rahmen des Projekts „Deliver Future“ erprobt.

Die Kerninnovation ist ein „einzigartiger Kipprotormechanismus“, der für einen glatten und stabilen Übergang zwischen Schweben und Fliegen sorgen soll. Im Schwebemodus schwebe der Wingcopter wie ein Multicopter, und im Starrflügelmodus fliege er so schnell wie ein Flugzeug. Das Unternehmen lobt seine Transportdrohne mit Schwenkrotor-Mechanismus in den allerhöchsten Tönen. So halte sie den Guinness-Geschwindigkeitsweltrekord von 240 km/h, decke Entfernungen von bis zu 120 km ab, funktioniere selbst bei widrigen Wetterbedingungen und könne eine schwere Nutzlast bei geringer Geräuschemission tragen. Damit werde die Reichweite und Nutzlast von kommerziellen Multicopter-Drohnen bei Weitem übertroffen. Die elektrisch angetriebene Drohne könne wie ein Multicopter senkrecht auf kleinstem Raum starten und landen. Sobald die Rotoren geschwenkt würden, verwandele sich die Drohne in kürzester Zeit in ein unbemanntes Flächenflugzeug. Das selbst entwickelte System soll bereits für alle wichtigen Märkte der Welt patentiert sein. Und so äußert man ziemlich unbescheiden: „Wir arbeiten voller Ehrgeiz, Geduld und Kraft daran, eine weltweite Drohnen-Infrastruktur aufzubauen.“

Ende letzten Jahres gab das Start-up bekannt, eine kräftige Finanzspritze erhalten zu haben, die offenbar dringend nötig war. Man habe von Corecam Capital Partners aus Singapur eine Finanzierung in Millionenhöhe erhalten. Über Näheres schwiegen sich die Darmstädter aus. Unternehmensmitgründer und CEO Tom Kolja Plümmer erklärte nur einsilbig, die Finanzierung werde „dazu beitragen, unser Wachstum signifikant zu beschleunigen“. Mit dem eingeworbenen Geld würden Fachkräfte eingestellt, um neue Modelle zu entwickeln und den internationalen Vertrieb auszubauen. Knapp drei Monate nach der Erstfinanzierung hat Corecam Capital Partners seine Investitionssumme für Wingcopter nochmals erhöht.

Fast zeitgleich informierte Plümmer darüber, dass Wingcopter zukünftig mit UPS Flight Forward (UPSFF) zusammenarbeiten werde, um die nächste Generation von Paketlieferdrohnen für diverse Nutzungsbereiche zu entwickeln. UPS soll sich für den hessischen Drohnenhersteller wegen dessen unbemannter Flugzeugtechnologie und seinen Erfolgen bei der großräumigen Warenbelieferung entschieden haben, heißt es. Bala Ganesh, Vizepräsident der UPS Advanced Technology Group, begründete den Schritt so: „Unsere Zusammenarbeit mit Wingcopter ebnet uns den Weg, den Drohnenlieferdienst in neuen Anwendungsfällen zu starten. UPS Flight Forward baut ein Netzwerk von Technologiepartnern auf, um unsere einzigartige Fähigkeit zu erweitern, Kunden zu bedienen und unsere Führungsposition bei der Lieferung von Drohnen auszubauen.“ Der UPS-Deal stimme ihn sehr hoffnungsvoll, sagte Wingcopter-CEO Tom Plümmer und unterstrich: „Gemeinsam streben wir danach, die Geschwindigkeit und Reichweite der Paketzustellung zu erhöhen. Die strategische Beziehung zu UPS wird unser Wachstum und unsere globale Expansion weiter beschleunigen und unsere Rolle als Branchenführer in der Drohnen-Technologie stärken.“ Erklärtes Ziel der Kooperation ist es, die behördliche Zertifizierung für ein unbemanntes Wingcopter-Flugzeug für kommerzielle Lieferflüge in den USA zu erhalten. Das sehen die Verantwortlichen als wichtige Etappe beim Aufbau einer ganzen Drohnen-Flotte, um noch mehr Kundenanforderungen gerecht zu werden.

Aber die internationale Konkurrenz schläft nicht und kann meist auf viel größere Investitionsmittel als Wingcopter zurückgreifen. Ob die Darmstädter Wachstumspläne realistisch oder bloße Blütenträume sind, wird sich deshalb erst noch zeigen.

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