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Alter Wein in neuen Schläuchen?

Schlüsselperson Mirko Scheffler: Offenbar übernimmt die Fintech Payment Solutions AG nun Wee

Samstag, 15 Mai 2021 00:08
Mirko Scheffler, enger Vertrauter des Cengiz Ehliz, soll den Vorstand der Fintech Payment Solutions AG übernehmen Mirko Scheffler, enger Vertrauter des Cengiz Ehliz, soll den Vorstand der Fintech Payment Solutions AG übernehmen Quelle: Screenshot

München – Das Leben des Cengiz Ehliz zeigt exemplarisch, wie tief ein ehemals gefeierter Unternehmensvisionär fallen kann. Der Sohn türkischer Gastarbeiter präsentierte sich jahrelang als Inkarnation der Vom-Tellerwäscher-zum Millionär-Erzählung. Ehliz wuchs in Bad Tölz – rund 50 Kilometer von München entfernt – auf und wollte offensichtlich schnell das große Geld verdienen.

2004 soll ihm auf einem italienischen Flughafen die entscheidende Geschäftsidee gekommen sein. Der Legende nach beobachtete er, wie Reisende in einem Duty-free-Shop mit Kreditkarten bezahlten und fragte sich, wer wohl bei den ganzen Transaktionen mitverdient. Damals gab es schon Bonusprogramme wie Payback, bei denen Kunden beim Einkaufen Prämienpunkte sammeln. Ehliz wollte aber ein System entwickeln, bei dem die Käufer wieder Geld zurückerhalten. Laut einer Werbebroschüre wurde 2010 in der Türkei die Flexcom International gegründet. Händler sollten mit speziellen Bezahlterminals Einkäufe abwickeln und ihren Kunden Rabatte gewähren. Diese Rabatte sollten die Kunden dann in Form von „Flexmoney“ auf ihren Karten sparen, um sie anschließend bei anderen Unternehmen einzulösen oder sich in Euro auf ihr Konto auszahlen zu lassen. Flexcom versprach, einen Teil der Erträge an Händler weiterzugeben. Mit großen Provisionsversprechen wurden immer neue Vertriebspartner geködert, und Ehliz ließ sich von ihnen die Überlassung von Lizenzen und Bezahlterminals gut bezahlen.

Doch die Aufnahme des eigentlichen Geschäftsbetriebes verzögerte sich immer wieder. Beispielsweise funktionierten die Kartenterminals nicht. Cengiz Ehliz vertröstete die Vertriebspartner daraufhin unentwegt und forderte sie zur Absolvierung kostenpflichtiger Fortbildungskurse auf. Zunehmend witterten die Händler eine Mischung aus Inkompetenz und Beschiss. 2014 gingen die ersten Vertriebspartner auf die Barrikaden, weil Flexcom immer noch nicht die für das System erforderliche Banklizenz hatte. Rund 40 Vertriebspartner aus Belgien und den Niederlanden erstatteten in Antwerpen schließlich Anzeige. Anfang 2020 verurteilte ein belgisches Gericht den Mobile-Payment-Unternehmer zu einer Gefängnisstrafe von mehr als drei Jahren. Es sei erwiesen, dass Ehliz und zwei Geschäftspartner mit Flexcom ihre Partner betrogen haben, um sich zu bereichern. Sie hätten mit Absicht funktionsuntüchtige Cashback-Geräte vertrieben. Das Gericht bezeichnete Ehliz und seine Partner in der Urteilsbegründung als Mitglieder einer kriminellen Organisation und konfiszierte 430.000 Euro, die auf die 40 Kläger zu verteilen sind. Ehliz behauptete gegenüber deutschen Medien, das Urteil richte sich „ausschließlich gegen mich als Privatperson“ und stehe in keinem Zusammenhang mit seiner Wee-Gruppe.

Als es noch so aussah, als würde Ehliz mit seinem Firmen-Konglomerat rund um die WeeConomy AG und die WeeBusiness GmbH den globalen Mobile-Payment-Markt erobern, hofierte ihn sogar die Politik. Im Februar 2019 feierte die CSU mit 1.200 Gästen, darunter Bayerns Altministerpräsident Edmund Stoiber, ihren traditionellen Münchner Ball und rief Wee-Gründer Cengiz Ehliz zum „Unternehmer des Jahres“ aus. Der Bad Tölzer wurde für sein Cashback-System ausgezeichnet, bei dem Kunden anstelle digitaler Wertmarken bares Geld ausgezahlt bekommen sollen. Der CSU-Landtagsabgeordnete Josef Schmid schwärmte bei der Preisverleihung: „Die Digitalisierung des Einzelhandels durch Wee können wir nur begrüßen.“

Aber schon bald zogen dunkle Wolken am Himmel von Ehliz‘ Firmengeflecht auf, die Marktkenner auf dessen undurchsichtige Geschäftspraktiken zurückführten. Dazu gehörten Spielarten des Affiliate-Marketing, die Kritiker an das verrufene Schneeballsystem erinnerten. Womöglich um Verantwortlichkeiten zu verschleiern, wurden Unternehmen im Ehliz-Kosmos häufig umbenannt oder ganz neu gegründet. In diesem Kontext ist wohl auch die Swiss Fintec Invest AG zu sehen, die von dem Trio Cengiz Ehliz, Michael Scheibe und Tilmann Meuser gefeiert wurde. Das Schweizer Unternehmen scheint sich inzwischen in Luft aufgelöst zu haben. Der Internetauftritt ist schon aufgegeben worden. Im letzten Jahr sorgte das „Delisting“ der Swiss Fintec Invest AG von der Börse für Aufsehen. Die Aktie, auch als Wee.com-Aktie gehandelt, wurde aufgrund von Verstößen gegen die Börsenregularien ausgestoßen und mit finaler Wirkung zum 25. Juni 2019 vom Kurszettel genommen. Anfang 2020 folgte die Verurteilung von Cengiz Ehliz wegen Betruges in Belgien und schließlich auch noch die Insolvenz der WeeBusiness GmbH. Im Dezember letzten Jahres ordnete das Amtsgericht München für das Unternehmen die Insolvenzverwaltung an. Offenbar unseriöse Geschäftspraktiken haben das Wee-Universum mit seinen vollmundigen Cashback-Visionen wie eine Seifenblase platzen lassen und Unternehmen wie Flexcom, Wee.com, WeeConomy, Cooinx und Swiss Fintec Invest in ein zwielichtiges Licht gerückt.

Nach den Negativnachrichten zur WeeBusiness GmbH und Swiss Fintec Invest AG scheint die Wee-Idee nun in der Fintech Payment Solutions AG weiterzuleben. Das Münchner Unternehmen behauptet von sich, über „langjährige Erfahrung im Bereich der Entwicklung von elektronischen Zahlungslösungen“ zu verfügen. Diese Erfahrung in Verbindung mit Effizienz helfe beim „Aufbau neuer Geschäftsmodelle“ und sei „die Basis für den Aufbau eines schnell wachsenden, technologiebasierten FinTech-Unternehmens“. Außer ein paar Plattitüden zu einem „neuen Standard im Digital Payment“ erfährt man auf der Internetseite nichts Genaues über die Arbeit von Fintech Payment Solutions. Vieles spricht jedenfalls dafür, dass man die Wee-Geschäfte um Cengiz Ehliz übernimmt.

Dem Vorstand der Fintech Payment Solutions gehört neben Achim Pfeffer seit Kurzem auch Mirko Scheffler an, den man seit Jahren als Führungskraft von Wee-Unternehmen kennt. Am 3. Mai erläuterte er in einem Webinar als „Founding Member Meeting“, was es mit den Wee-Aktivitäten auf sich hat. Scheffler teilte zum Beispiel mit, dass der Kauf der Assets sowie Lizenzen der Wee-Gruppe bereits erfolgt sei und es nun um die Weiterentwicklung sowie Finanzierung der Plattform gehe. Ziel sei dann die Kapitalisierung der AG mittels Wandelschuldverschreibung. Die Fintech Payment Solutions hat sich von Ehliz auch das übergroße Selbstbewusstsein abgeguckt. So erfährt man in dem Webinar, dass in ganz Europa 500 „WeeLove-Regionen“ geplant sind. Im Rahmen der „Investoren-Präsentation“ werden Vertriebspartnern für ihre Umsatzerfolge wieder einmal ominöse Aktien angeboten. Man gewinnt den Eindruck, dass hier alter Wee-Wein in neue Schläuche gefüllt wird.

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