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Biertradition seit 1768

Neuötting: Müllerbräu von Reinhard Müller trotzt sinkendem Bierkonsum

Freitag, 24 Juli 2020 23:22
Neuötting: Müllerbräu von Reinhard Müller trotzt sinkendem Bierkonsum Quelle: Müllerbräu

Neuötting – Im vergangenen Jahr haben die in Deutschland ansässigen Brauereien und Bierlager insgesamt rund 9,2 Milliarden Liter Bier abgesetzt. Laut dem Statistischen Bundesamt sank der Bierabsatz damit gegenüber 2018 um 1,9 Prozent beziehungsweise 177,9 Millionen Liter. Mit mehr als 80 Prozent ging der Löwenanteil in den heimischen Markt. Der Inlandsabsatz sank im Vergleich zu 2018 um 2,1 Prozent auf 7,6 Milliarden Liter. Seit 1993 hat sich der Bierkonsum um 2,0 Milliarden Liter oder 17,8 Prozent verringert. Auch Biermischungen verkauften sich 2019 schlechter.„Der deutsche Biermarkt kann sich von der Entwicklung in Europa nicht abkoppeln und folgt einem langfristig leicht rückläufigen Absatztrend”, erklärte auf Nachfrage der Deutsche Brauer-Bund. Abkoppeln von dieser Entwicklung können sich aber kleine Privatbrauereien, die auf mustergültige Weise Tradition mit Innovation verbinden und so das Konsumenteninteresse wecken.

Dazu gehört Müllerbräu aus dem oberbayerischen Neuötting. 2018 konnte man unter dem Motto „250 Jahre Müllerbräu – 250 Jahre Neuöttinger Brautradition“ die erste urkundliche Erwähnung der Brauerei im Jahr 1768 feiern. Bei Müllerbräu werden heute von 18 Mitarbeitern 18 eigene Bierspezialitäten sowie 15 verschiedene Limonaden hergestellt und vertrieben. Zusammen mit ausgewählten Handelsmarken im Bier- und Alkoholfrei-Segment wird so ein Gesamtausstoß von knapp 25.000 Hektolitern pro Jahr erreicht – reihte man die Bierkisten aneinander, ergäbe dies eine Strecke von Neuötting nach München-Pasing. Von ehemals neun Brauereien im Jahr 1860 ist in der schmucken Kleinstadt als einzige Müllerbräu übrig geblieben. Die Brauerei wurde von Willibald Brodmann gegründet und 1768 erstmals urkundlich erwähnt. Vier Generationen und damit fast ein Jahrhundert lang war die „Brodmannsche Bierbrauerei“ im Familienbesitz. 1861 verkaufte Anna Brodmann die Brauerei an die Firma Kleiber, Dreifuß und Comp., nachdem ihr Mann kinderlos verstorben war. 1863 erwarben Jakob und Maria Straßer aus Landshut das Anwesen von der Gesellschaft. Die aus dieser Ehe hervorgegangene Tochter Theresia heiratete dann den Bierbrauer Josef Kraimel. 1894 ehelichte Josef Müller aus Pfaffenhofen Anna Kraimel, wovon sich der heutige Name Müllerbräu ableitet. Nach dem frühen Tod Josef Müllers 1923 übernahm dessen Sohn Karl mit nur 22 Jahren den Betrieb und sorgte in den folgenden Jahrzehnten für eine überaus positive Entwicklung des traditionsreichen Brauhauses. 1967 übernahm sein Sohn Reinhard Müller die Geschäftsführung. Heute leitet Reinhard Müller junior mit seiner Frau Wally die Müllerbräu Neuötting GmbH & Co. KG und wird dabei von seinen Eltern Reinhard und Waltraud unterstützt.

Das Erfolgsgeheimnis der Brauerei ist offenbar die Synthese aus alter bayerischer Handwerkskunst, besten heimischen Zutaten und immer neuen Bierkreationen. Neben den vielfach prämierten klassischen Biersorten gibt es aus dem Hause Müller auch Bierschokolade, Knuspermalz, Weissbiergelee, Bockbierbrand, Bierlikör, Biersalz und Biernudeln.

Wer das Müllerbier nicht nur trinken, sondern auch dessen Herstellung mitverfolgen will, kann an einer „Brauerei-Erlebnisführung“ teilnehmen.Dabei erfährt man vieles über die verwendeten Rohstoffe, die Brautechnik und die kleinen Geheimnisse, die das Bier aus Neuötting zu etwas Besonderem machen. Mit der 70 Etappen umfassenden Erlebniswanderung kann man einen aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen einer modernen Traditionsbrauerei werfen und bekommt alle offenen Fragen von Experten beantwortet. „Sie erschmecken einige Produktionsstationen, beginnend mit dem Malz in der Schroterei. Weiter geht es im Sudhaus, dem Herz einer jeden Brauerei, hinüber zum Gärkeller, wo Sie unsere offene Gärung kennenlernen“, heißt es seitens des Bierbrauers. „Hier verkosten Sie auch das Jungbier und haben die Möglichkeit, die Hefe und die Kräusen zu probieren. Weiter geht es in den Lagerkeller zur Zwicklprobe. Über den Filter- und Drucktankkeller kommen wir dann in die Flaschenfüllerei.“

Freunde des edlen Gerstensaftes können zwischen drei Erlebnisvarianten wählen: Der Brauerei-Erlebnisführung mit drei Bierverkostungen, der Erlebnisführung mit zwei Bierproben einschließlich einer Brotzeit aus Schweinshaxe und Brezen sowie der sogenannten Bier-Genussführung. Zu diesem Angebot gehören zwei Verkostungen mit Jung- und Zwicklbier und anschließendem „Bierkulinarium“. Dabei werden fünf verschiedene Biere serviert, drei davon mit passenden Gerichten. Daran schließt sich das „Stacheln“ eines dunklen Bieres und die Verkostung mit einer weiteren Bierrarität an. Beim alten Brauch des Bierstachelns wird ein heißes Eisen für wenige Sekunden in ein kaltes Bier getaucht. Dadurch erhöht sich die Biertemperatur, und der Restzucker karamellisiert. Deshalb schmeckt das Bier nach dem Stacheln angenehm weich und ist gut temperiert. Es bildet sich eine feinporige Schaumkrone bei gleichzeitigem Verlust an Kohlensäure. Diesen ganz eigenen Biergeschmack empfindet jeder anders, aber allein schon die aus dem Mittelalter stammende Zeremonie des Bierstachelns ist ein Erlebnis für sich.

Die Müller-Brauerei, der Getränkemarkt „Sudhausquelle“ und die Bierbühne „Keimkasten“ sind in der Burghauser Straße Neuöttings zu finden. Der „Keimkasten“ am früheren Ort der Mälzerei von Müllerbräu bietet ein faszinierendes Ambiente, in dem die Umwandlung der Gerste zu Malz erlebbar bleibt. Herzstück ist ein langer Gewölberaum, in dem sich die beiden Keimkasten-Becken befinden, sowie ein gefliester Erschließungssteg, der den urigen Gastraum in einen linken und rechten Keimkasten trennt. Direkt aus dem Holzfass werden dort süffiges Kellerbier und andere Bierspezialitäten wie Bockbier ausgeschenkt. „Lustig, lebendig, wahrhaftig, bayrisch. Heid geh ma moang erst hoam“ – dieser Werbespruch der Bierbühne trifft es schon.

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