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Führen Digitalisierung und KI in eine evolutorische Sackgasse?

Microsoft lässt Tote auferstehen

Montag, 25 Januar 2021 21:25
BAYERN DEPESCHE Autor Johannes Kraus von Sande fühlt sich durch zweifelhafte Microsoft-Technik an die Welle der Séance-Wissenschaft der 1920er Jahre erinnert. BAYERN DEPESCHE Autor Johannes Kraus von Sande fühlt sich durch zweifelhafte Microsoft-Technik an die Welle der Séance-Wissenschaft der 1920er Jahre erinnert. Quelle: Johannes Kraus von Sande

München - Wie der Independent berichtet, hat Microsoft im Dezember ein Patent eingereicht, das die Imitation Verstorbener durch Chatbots zum Gegenstand hat. Unter Verwendung der Technik des Predictive Programming werden hierbei tote Menschen von einer Künstlichen Intelligenz (KI) imitiert. Zur Optimierung dieser Illusion werden Fotos, Sprachaufnahmen, Nachrichten aus Sozialen Netzwerken und weitere Daten genutzt.

Es ist in diesem Rahmen möglich, lebende oder verstorbene Personen nachzuahmen, wie beispielsweise Freunde, Verwandte, Bekannte, Prominente, historische Persönlichkeiten, zufällig generierte „Persönlichkeiten“ oder auch den Programmierer selbst, der den Bot erstellt oder trainiert.

Die Grundidee ist hierbei nicht neu und wurde schon in verschiedenen Filmen zum Thema gemacht, wie beispielsweise in der Black Mirror Folge Be Right Back oder im Film Transcendence. Das nunmehr angemeldete Patent willdie entsprechenden Visionen in die Realität umsetzen.

Es ist zu vermuten, dass auch die Politik mit derartigen Konstrukten keine größeren Bedenken haben wird, ist doch beispielsweise in Bayern ein Markus Söder und seine CSU ein bekennender und recht unkritischer Anhänger und Förderer von Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung, Raumfahrt und weiterer Technisierung von Kultur und Gesellschaft.

Ob all diese Dinge tatsächlich ein Segen für die Menschheit sein werden, ist jedoch insgesamt mehr als fraglich. Erinnert sei hierbei lediglich beispielhaft an die Erfindung der Atomkraft und der Atombombe. Denn auch der reale ,,Vater der Atombombe“, Robert Oppenheimer, verurteilte den Einsatz seiner eigenen Entwicklung nachträglich hart, haderte mit seinem Werk und setzte sich in seinem folgenden Leben leidenschaftlich für die Regulation und internationale Kontrolle der Kernenergie ein. Was jedoch einmal gedacht und erst recht veröffentlicht ist, lässt sich üblicherweise nicht mehr aus der Welt schaffen und wird in den meisten Fällen auch umgesetzt. Wie in den Sozialwissenschaften und der Philosophie hinlänglich bekannt ist, fehlen der technischen Entwicklung und den Naturwissenschaften derzeit vielfach effektive Regulationsmechanismen, der Stellenwert der Geisteswissenschaften für die Entwicklung und den Fortbestand einer Zivilisation insgesamt, insbesondere jedoch auch die Notwendigkeit ausführlicher ethischer Reflexion wird nicht hinlänglich erkannt. Technische Entwicklungen überholen vielfach ethische und gesellschaftliche Meinungsbildungsprozesse, die Zeit benötigen. Realistisch betrachtet dürfte auch die Politik hier wie anderswo zum einen strukturell und inhaltlich überfordert sein und sich zum anderen wie auch sonst üblich primär von wirtschaftlichen, machtpolitischen und fiskalischen Interessen leiten lassen. Dem Politiker ist im allgemeinen niemand näher, als der die Parlamente geradezu allgegenwärtig und durchaus erfolgreich belagernde Lobbyist. Politische Entscheidungen folgen nur allzu gerne den mächtigsten Geldströmen. Goethes bekanntes Gedicht vom Zauberlehrling hat daher in unseren Tagen eine noch nie gekannte Brisanz und Aktualität.

Mit dem eingereichten Patent möchte Microsoft, wie so oft in der Menschheitsgeschichte versucht, die Gesetze der Natur außer Kraft setzen und ein wenig Gott spielen. Die Folgen der Erfindung können hier jedoch weitaus weiterreichen und fatalere Entwicklungen anstoßen, als es der von Theodor Fontane thematisierte Einsturz der „Brücke am Tay“ als vermeintlich siegreiche technische Entwicklung je vermochte. Die unqualifizierte und letztlich stümperhafte Nachahmung von Personen und letztlich des Phänomens Leben kann beispielsweise erhebliche psychische Abhängigkeiten generieren, Menschen können in bisher ungekannter und ungeahnter Dimension manipuliert werden.

Führt bereits unsere beschränkte Sinneswahrnehmung und weitere Verarbeitung der Reize in unserem Bewusstsein zu einem erheblichen „Realitätsverlust“, ist dies erst recht nach der Überführung unserer defizitären Vorstellung von der Wirklichkeit in digitale Abbilder der Fall. Eine übermäßige Auseinandersetzung mit Medien und digitalisierter Wirklichkeit kann nur zu einer fortschreitenden Einengung des menschlichen Bewusstseins und einer zunehmenden Verkennung der Realität führen. Eine tatsächliche Schärfung der Sinne und der Wahrnehmung sowie die Erweiterung des menschlichen Bewusstseins kann nur in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Realität, das heißt insbesondere der Natur und tatsächlich lebenden Individuen gelingen. Nur auf dieser Basis können sich Kulturen auch reellweiterentwickeln. Digitale Abbilder sind Illusionen, eine neue Form von Symbolen und noch um Meilen weiter als Sprache, Zahlen, Raum oder Zeit von den sie ursprünglich auslösenden Entitäten entfernt. Die Natur wird auch hier ihren Tribut fordern und die Kartenhäuser aus Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz zum Einsturz bringen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich der Mensch auf der Basis von Fortschritts- und Technikgläubigkeit in eine biologische und evolutorische Sackgasse hineinbegeben hat.

Wie uns die deutsch-französische Philosophie und auch die psychologische Anthropologie des 20. Jahrhunderts in der Ausprägung der Phänomenologie, insbesondere der Lebensphänomenologie nach Michel Henry, hinreichend und schlüssig aufgezeigt hat, ist der Kern des Lebens die Subjektivität, die Emotionalität und das Pathos.

Wer Edmund Husserl, Martin Heidegger oder Michel Henry auch nur im Ansatz verstanden hat, dem ist die Nutzlosigkeit, Unzulänglichkeit und Gefährlichkeit des hier dargestellten Versuchs von Microsoft, Leben zu imitieren, evident.

Zur Lektüre empfohlen: Michel Henry, Die Barbarei

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