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Brauchtum der Bajuwaren und Franken

Wintersonnenwende und Rauhnächte in Bayern

Montag, 14 Dezember 2020 12:43
Die Kapellenruine "Zum heiligen Baum" in Arzlohe, einst heidnische Kultstätte. Die Kapellenruine "Zum heiligen Baum" in Arzlohe, einst heidnische Kultstätte. Quelle: Johannes Kraus von Sande

Sulzbach-Rosenberg - Der Brauch der Rauhnächte ist im Jahre 1721 in Bayern erstmals urkundlich erwähnt, obwohl außer Frage steht, dass er weit in vorchristliche Zeiten zurückreicht.

Entsprechend wird je nach heidnischer oder christlicher Deutung als Anfangstag der Rauhnächte der Tag der Wintersonnenwende am 21./22. Dezember oder Weihnachten ab dem 25 Dezember gesehen. Endpunkt ist der spätere Dreikönigstag am 6. Januar. Damit umfassen die Rauhnächtedie letzten 6 Tage des alten Jahres und die ersten 6 Tage des neuen Jahres, also insgesamt 12 Tage.

In manchen Gegenden unterscheiden sich die Zeiträume allerdings und es wird ein Ende der Rauhnächte bereits am 1. Januar angenommen. Die wichtigsten Rauhnächte sind der 21./22. Dezember (Wintersonnenwende/Thomastag), 24./25 Dezember (Heiligabend/Weihnachten), 31. Dezember/01. Januar (Silvester/Neujahr) sowie der 05./06. Januar (Neujahr/Dreikönig).

Zum Ausgleich der Differenz zwischen 12 Monaten in Mondphasen (354 Tage) sowie dem Sonnenjahr (365 Tage) ergänzten die Kelten 11 Schalttage. Diese Tage sahen sie als außerhalb der Zeit liegend an. Es gab jedoch auch eine ganze andere Reihe von entsprechenden Zwischenzeiten, angeführt seien hier die Morgen- und Abenddämmerung oder die Sonnenwenden im Jahreskreis.

Meine aus Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz stammende Großmutter, die mit bäuerlichen Gebräuchen sehr vertraut war und im Jahre 1904 geboren wurde, sprach auch an anderen Zeitpunkten des Übergangs im Jahr von „Rauhnächten“. Dies waren jeweils Zeitpunkte um die ehemaligen keltischen Feste im Jahreskreis, nämlich Samhain, Imbolc, Beltene und Lugnasad.

Die 12 Rauhnächte stehen auch symbolisch für die 12 folgenden Monate des neuen Jahres und insoweit für das ganze folgende Jahr. Was in dieser Zeit unternommen wurde, hatte demnach auch Auswirkungen auf die Zukunft. Arbeit war in dieser Zeit unerwünscht, sie musste mit Feiern und im Kreise der Familie verbracht werden. Beobachtete man genau, was an den 12 fraglichen Tagen geschah, konnten daraus Rückschlüsse auf die Geschehnisse der folgenden 12 Monate gezogen werden. Erhalten hat sich daraus lediglich noch der Brauch des Bleigießens an Silvester.

In den Rauhnächten öffnete sich für unsere Vorfahren das Tor zur „Anderswelt“ und die „Wilde Jagd“ begann. Grundsätzlich war die Schwelle zur Anderswelt in der dunklen Jahreszeit eher und länger offen, sagen wir in der Zeitphase zwischen den keltischen Festen Samhain und Imbolc (Allerheiligen, 1. Februar).

Bei allen vier keltischen Festen wurde angenommen, dass die Menschen einen Zugang zu den Wesen der Anderen Welt haben, besonders zu den Bewohnern der Síd (Elfenhügel), die an diesem Tage offenstehen. Der Begriff der „Wilden Jagd“ der Geister, die Odin/Wotan anführte, entstammt dagegen mehr der germanischen Vorstellung.

Tote, Geister und Dämonen trieben in dieser Zeit auch im näheren Umfeld der Menschen ihr Unwesen und es war daher angezeigt, das Haus nicht unnötig zu verlassen. Begegnete man derartigen Gestalten, hatte man sich zu Boden zu werfen. Weitere Regeln mussten eingehalten werden, beispielsweise war das Waschen von Wäsche untersagt, in manchen Gegenden auch das Kartenspielen. Wäsche konnte von „fliegenden Reitern“ zu Leichentüchern umfunktioniert werden, Tote waren dann zu besorgen. Für die entsprechende Zeit war auch eine ganz spezielle Kost vorgesehen.Grundsätzlich waren jedoch diese Geister den Menschen nicht feindlich gesinnt, soweit man sie respektierte und sich an die Regeln hielt.

Böse Geister und nach späterer christlicher Vorstellung den Teufel vertrieb man durch das Entfachen von Feuer und die Entfaltung von Lärm. In wilder Verkleidung und mit Masken aus Holz oder Leder sowie Glocken oder „Goaßln“ versehen wurden die bis heute bekannten „Perchtenläufe“ durchgeführt, die in unseren Tagen jedoch meist auf eine Nacht beschränkt werden. Vielerorts wurden auch Schüsse abgegeben, als Beispiel möge das heute etwas skurril anmutende „Christkindel anschießen“ aufgeführt werden. Natürlich steht auch das Silvesterfeuerwerk in dieser Tradition.

Das Haus wurde zur Abwendung von Schaden ausgeräuchert, zunächst mit Kräutern, später und in christlicher Zeit zumeist mit Weihrauch. Mit der Wirkung der wichtigsten Kräuter werden wir uns noch befassen.

Insgesamt wurden also Reinigungsrituale durchgeführt, Ahnen verehrt und Weissagungen getroffen. Die Zukunft konnte beeinflusst werden, wovon bis heute die Vorsätze für das neue Jahr geblieben sind. Alle darüber hinausgehenden magischen Handlungen entfalteten in dieser Zeit eine verstärkte Wirksamkeit.

Besonders wichtig für eine positive Gestaltung seiner Zukunft war die Bewahrung eines engen und positiven Verhältnisses zu seinen Ahnen. Noch mein 1933 in Niederbayern an der Grenze zu Oberbayern und der Oberpfalz geborener Vater, der leider vor einigen Monaten verstorben ist, mahnte mich an entsprechenden Tagen, den Tisch in der Stube für die Nacht peinlich aufzuräumen. Nach ihm bekannter Überlieferung würden darauf die Toten tanzen und man zöge sich deren Unmut zu, wenn sie dafür keinen Platz hätten. Schaden könne es auch in keiner Weise, wenn man ihnen dort Nahrungsmittel anbieten würde. Sogar ein Beheizen der Stube für diese Zeit war von Nutzen.

Helden, die etwas auf sich hielten, hatten in den Rauhnächtennatürlich verstärkt die Möglichkeit, einen Ausflug in das Reich der Anderswelt zu unternehmen. Dem einen oder anderen Leser mögen hier die entsprechenden Ausflüge des irischen Helden Cu Chulainn ein Begriff sein, andere kennen zumindest den Ausflug griechischer Helden in die Unterwelt (z.B. Orpheus und Eurydike). Behilflich waren in diesem Zusammenhang Räucherwerk und auch mancher Kräuter- oder Zaubertrank. Der Genuss von Alkohol in dieser Zeit soll auch heute nicht ganz unüblich sein. Zusammenhänge bestehen ferner zum Mithraskult (Sol Invictus) und zur Feier der Saturnalien im römischen Reich. Hier wurde mit Freunden und Verwandten ausgelassen gefeiert und getrunken, Geschenke wurden verteilt und sexuelle Handlungen waren Teil des Geschehens.

Trotz aller bisherigen Ausführungen haben wir bislang jedoch nur an der Oberfläche der zu Grunde liegenden Vorstellungen gekratzt. Die teilweise etwas skurril anmutenden Bräuche erweisen sich dann als schlüssig, wenn man sich einer vertieften Betrachtung der vorchristlichen Metaphysik und Weltanschauung widmet. Hauptsächlich muss hier verstanden werden, dass unsere Vorfahren von einem ontologischen Monismus ausgingen, was bedeutet, dass unsere Welt und das Jenseits nicht wirklich getrennt seien. Letztlich sei alles miteinander untrennbar verbunden. Das Gleiche galt auch für Geist und Materie, hinter denen man entgegen dem äußeren Anschein nur ein tragendes Prinzip vermutete. Im Grundsatz gehen von diesem Weltbild auch die modernen Naturwissenschaften aus, während das Christentum, allerdings mit Ausnahmen wie der christlichen Mystik, ein dualistischesWeltbild annimmt. (Himmel und geschaffene Welt, Geist und Materie).

Entsprechend spielte die Zahl 3 in heidnischer Zeit eine zentrale Rolle, was sich spätestens nach dem Konzil von Nicäa (Heilige Dreifaltigkeit, Gregor von Nyssa) auch in das Christentum verlagerte. Ursprünglich hatte man hierstets zwei voneinander unabhängig erscheinende Prinzipien im Sinne, hinter denen jedoch letztlich ein vereinendes, aber nach außenhin unsichtbares Prinzip stünde. Als Beispiele könnte man Geist und Materie, männliches und weibliches Prinzip, Sonne und Mond, Anderswelt und materielle Welt, aber natürlich wie im vorliegenden Zusammenhang auch neues und altes Jahr benennen. Die Übergänge wurden daher als sehr fließend betrachtet, das Neue stand in Beziehung zum Alten, der Kreislauf und der Wandel waren die dominierenden Prinzipien. In der Zahl der Rauhnächte finden wir die Zahl 3 mehrfach verschlüsselt. Das nordische Julfest begegnet uns traditionell mit dem Symbol des Julrades, auch der christliche Adventskranz hat ältere Vorläufer. Zweige von immergrünen Fichten, Tannen, Misteln oder Eiben wurden zu Kränzen geflochten und mit Bändern umwickelt. So wurden sie zu Zauberkränzen, die Unheil abwenden und Segen bringen konnten. Der Kranz versinnbildlicht in vielen Kulturen die Sonne, die Kraft, ein göttliches Wesen sowie das Allumfassende, den gesamten Kosmos und die Ewigkeit. Das Julfest und die Wintersonnenwende stehen damit für die Wiedergeburt der Sonne und der Kraft sowie den Aufbruch in einen neuen Lebenszyklus.

Letzte Änderung am Montag, 14 Dezember 2020 12:56
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