bayern-depesche.de

Freigegeben in Regional

CSU-Bürgermeister Josef Schmid wird politische Anpasserei vorgeworfen

Münchens Ex-Oberbürgermeister Christian Ude sieht kaum noch Unterschiede zwischen CSU und SPD

Donnerstag, 31 Dezember 2015 06:26
Christian Ude Christian Ude Quelle: Christian Ude | Pressefoto

München - In einem langen Interview mit dem Münchner „Merkur“ blickt Münchens früherer SPD-Oberbürgermeister Christian Ude auf das endende Jahr und die Verhältnisse in der Münchner Stadtpolitik zurück. Dabei verblüfft Ude, der der bayerischen Landeshauptstadt von 1993 bis 2014 vorstand, auch mit neuen Einsichten.

So bescheinigt er der Münchner CSU, die seit der letzten Kommunalwahl zusammen mit der SPD regiert, eine grundlegende politische Wandlung. Der „Merkur“-Redakteur stellt fest, dass Ude die Münchner Christsozialen oft und gerne kritisiert habe und sagt über die CSU: „Jetzt regiert sie eineinhalb Jahre mit – aber die Kinderkrippen sind immer noch geöffnet, linke Projekte werden nicht geschlossen. Lagen Sie falsch?“ Ude verneint die Frage und betont, stets ein realistisches Bild der Münchner CSU bis zum Jahr 2010 gezeichnet zu haben. Aber dann erteilt er der heutigen CSU den sozialdemokratischen Ritterschlag: „Seitdem wandelt sie sich, beispielsweise hat sie die Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen und Ausländern eingestellt.“ Ude spielt damit auf den Münchner CSU-Bürgermeister Josef Schmid an, der sich auf einem Christopher Street Day mit den Forderungen der Homosexuellen solidarisierte. 

Nach Udes Verweis auf die politische Häutung der CSU stellt der Reporter fest: „Dann gibt es ja gar keine Unterschiede mehr zwischen CSU und SPD.“ Der frühere Oberbürgermeister stimmt dem ausdrücklich zu und warnt: „Das ist im Stadtrat ein großes Problem, das beide Volksparteien im nächsten Wahlkampf spüren werden.“

Dass ein früherer Hauptgegner der CSU dieser Partei mittlerweile jedes eigenständige und erst recht konservative Profil abspricht, könnte Münchens CSU-Frontmann Josef Schmid zu denken geben. Die BAYERN DEPESCHE berichtete am 18. Dezember darüber, dass es vor allem Schmid war, der den ältesten Stadtrat Reinhold Babor (CSU) für dessen asylkritische Weihnachtsansprache abkanzelte. Babor hatte zum Entsetzen der Stadträte von SPD, Grünen und FDP den unkontrollierten Asylantenansturm beklagt und erklärt: „Nicht geplant waren die vielen tausend Asylbewerber und Flüchtlinge, die versorgt werden müssen. Nach meinem Dafürhalten ist für München die Obergrenze erreicht, organisatorisch und finanziell.“ Auf Veranlassung von Josef Schmid distanzierte sich die CSU-Fraktion umgehend „aufs Schärfste“ von der Rede ihres Parteifreundes. „Das Ziel einer Weihnachtsrede, nämlich verbindende Worte zu seinen Kolleginnen und Kollegen sowie zur Verwaltung zu sprechen, wurde zu 100 Prozent verfehlt“, so die CSU.

Der „Merkur“ fragt Schmid in einem aktuellen Interview nur halbironisch, ob er der „Linksaußen der CSU“ sei? Der entgegnete aalglatt: „Die CSU denkt pragmatisch, nicht ideologisch.“ Was dieser CSU-Pragmatismus heute bedeutet, erläutert Schmid an einem Beispiel: „Nehmen Sie beispielsweise meine Äußerungen auf dem Christopher Street Day. Ich will ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Das hat hohe Wellen geschlagen.“

Während sich die örtliche CSU nach Auffassung vieler Beobachter immer mehr der politischen Korrektheit annähert, fremdelt ausgerechnet Sozialdemokrat Christian Ude mit dieser: „Politische Korrektheit fällt mir zunehmend auf die Nerven. Die politische Klasse entfernt sich von der Bevölkerung. Der Grünen-Vorschlag, dass man jetzt Münchner*innen sagen soll, wenn man alle Münchner meint, bedient kein Bedürfnis irgendeines Bürgers.“

In der Debatte über den Umgang mit den 1,1 Millionen Asylbewerbern, die 2015 offiziell nach Deutschland kamen, ruft Münchens Ex-Oberbürgermeister auch seine eigenen Genossen zur Ordnung, die Asylkritiker als „Pack“ und „Schande für Deutschland“ bezeichnet hatten. Ude warnt die Polarisierer: „Wir müssen die Positionen wieder annähern. Es kann doch nicht sein, dass man nur einen Satz zum Thema Flüchtlinge sagen muss und damit entweder ein vertrottelter Gutmensch ist, der das Land ruiniert, oder ein Neonazi, der hinter Gitter gehört. Es wäre eine Aufgabe der Volksparteien, das wieder zusammenzuführen.“

Artikel bewerten
(22 Stimmen)
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten