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Museumskonzept für den Saal 600 vorgestellt

Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse soll Weltkulturerbe werden

Mittwoch, 02 Dezember 2015 19:53
Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse soll Weltkulturerbe werden Quelle: PIXABAY.COM

Nürnberg - Nach Vorstellungen der Bayerischen Staatsregierung und der Stadt Nürnberg soll der Schwurgerichtssaal 600 im Nürnberger Justizpalast zum Museum und UNESCO-Weltkulturerbe werden. In diesem Saal trat vor 70 Jahren – am 20. November 1945 – der Internationale Militärgerichtshof der vier alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkrieges zusammen, um die „Hauptkriegsverbrecher“ auf deutscher Seite abzuurteilen. Am 1. Oktober 1946 endete der Prozess gegen 22 Hauptangeklagte mit der Urteilsverkündung; 15 Tage später wurden dann zehn Todesurteile vollstreckt.

Das Museumskonzept haben Bayerns Finanzminister Markus Söder, Justizminister Winfried Bausback und Nürnbergs Kulturreferentin Julia Lehner (alle CSU) am Montag in der Franken-Metropole vorgestellt. Mit einer multimedialen Präsentation soll die historische Aura des Saals 600 zur Zeit der Nürnberger Prozesse erlebbar gemacht werden, sagte Julia Lehner. Dazu formulierte Markus Söder: „Nach intensiven Gesprächen mit Fachleuten und der Stadt Nürnberg besteht zwischen Staatsregierung und der Stadt Einigkeit, dass keine großen baulichen Eingriffe erfolgen sollen. Es wird keinen Rückbau des Saals in den Zustand von 1945 geben.“

Damit im Saal 600 keine Gerichtsverhandlungen des Landgerichts Nürnberg-Fürth mehr stattfinden müssen und der Raum dauerhaft als Museum genutzt werden kann, wird der Freistaat Bayern für die örtliche Justiz bis Ende 2017 ein neues Sitzungssaalgebäude bauen. Wissenschaftler sollen überdies Überlegungen anstellen, wie die Chancen einer Aufnahme des Saals 600 in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO verbessert werden können. Ein erster Anlauf war im letzten Jahr schon im frühen Bewerbungsverfahren gescheitert: Die Kultusministerkonferenz hatte den geschichtsreichen Gerichtssaal nicht in die Vorschlagsliste des Bundes für die UNESCO aufgenommen. Eine neuerliche Pleite will Söder unbedingt vermeiden. Dafür hat er die „volle Unterstützung“ von Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD), der sich sicher ist: „Die Anerkennung als Weltkulturerbe ist auch für ideengeschichtliche Orte möglich – und nicht nur für angenehme.“

Justizminister Winfried Bausback erklärte zu den Weltkulturerbe-Plänen: „Die Nürnberger Prozesse vor 70 Jahren im Saal 600 und die dort formulierten Nürnberger Prinzipien markieren die Geburtsstunde des modernen Völkerstrafrechts. Wir sind daher fest überzeugt: Der Saal 600 mit seinem beeindruckenden ideengeschichtlichen Hintergrund ist ein hervorragender Kandidat für eine Bewerbung als UNESCO-Weltkulturerbe.“

Dass die Nürnberger Prozesse die „Geburtsstunde des modernen Völkerstrafrechts“ waren, wie Bausback meint, sahen viele zeitgenössische Beobachter kritisch. So erklärte beispielsweise Papst Pius XII. 1953 in Rom vor Teilnehmern eines Kongresses für internationales Strafrecht: „Einem unbeteiligten Dritten bereitet es Unbehagen, wenn er sieht, wie nach Abschluss der Feindseligkeiten der Sieger den Besiegten wegen Kriegsverbrechen aburteilt, während sich der Sieger gegenüber dem Besiegten ähnlicher Handlungen schuldig gemacht hat.“

Letzte Änderung am Mittwoch, 02 Dezember 2015 20:04
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Das Neueste von Max Semmler

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