bayern-depesche.de

Freigegeben in Regional

Wachholderholz und die Rauchnächte

Die Bedeutung des Wachholders in der bayerischen Volkskunde und Volksmedizin

Montag, 28 Dezember 2020 11:48
Der Wacholder ist eine bemerkenswerte Pflanze Der Wacholder ist eine bemerkenswerte Pflanze Quelle: Johannes Kraus von Sande

Ingolstadt - „Vor dem Holunder sollst du den Hut ziehen, vor dem Reckholder das Knie beugen!“ war ein alter Spruch in Oberbayern. Er zeigt die Verehrung, die man dem Wachholder(Juniperus) in unserem Kulturkreis von alters her entgegenbrachte. Der Strauch galt bereits in vorchristlicher Zeit als reinigend und dämonenvertreibend, wobei die Zweige hierbei meist als Räucherwerk eingesetzt wurden.

In den sogenannten „Rauchnächten“, insbesondere zur Wintersonnenwende, räucherte man Haus und Stall damit aus. Da der Rauchfang oder Kamin stets als ein Sitz unguter Geister und Dämonen betrachtet wurde, konnte es natürlich auch nicht schaden, diesen stets gründlich zu reinigen und den Dämonen dort den Aufenthalt möglichst unattraktiv zu gestalten. Hierfür war zum einen der Schornsteinfeger verantwortlich, weshalb ihm später auch die Interpretation als Glücksbringer zuteilwurde. Hilfreich war in jedem Falle auch in der Feuerstelle die Verwendung von Wachholderholz als Zusatz zum üblichen Brennstoff, was natürlich zudem den im Rauchabzug hängenden Würsten und dem „Gselchten“ einen besonders würzigen Geschmack verlieh. Auch der Verzehr entsprechender Würste zum richtigen Zeitpunkt war demnach in den Rauhnächten dazu geeignet, böse Geister zu vertreiben und Unheil abzuwenden. In meiner Familie führte daher kein Weg an den sogenannten „Mettenwürsten“ vorbei, das hieß dem Verzehr von entsprechend dunkel geräucherten Bauernwürsten mit sehr würzigem Geschmack nach dem Besuch der „Christmette“ am Heiligen Abend. Wichtig war hier auch der Verzehr vor Mitternacht, sozusagen rechtzeitig vor der Geisterstunde und den hier regelmäßig zu erwartenden bösen Mächten. So war man vor letzteren dann ausreichend gefeit. Eine weitere Rolle spielte dabei auch das verwendete Fleisch des Schweins, da letzteres als Totemtier (Eber) seit jeher mit der Wiederkehr der Sonne und des Lichtes in Verbindung stand. Hiermit erschließt sich auch der spätere Zusammenhang mit dem Jesuskind.

Seit dem Mittelalter, in manchen Gegenden noch bis in das 20. Jahrhundert hinein, wurde der Wachholder auch für das Ausräuchern von Häusern verwendet, in denen zuvor Menschen gestorben waren. Der Ursprung dieses Brauches dürfte darin zu suchen sein, dass bereits unsere Vorfahren das Holz für Opferfeuer und auch die Scheiterhaufen verwendeten, auf denen ihre Verstorbenen eingeäschert wurden.

Noch lange brachten weise Frauen dem heiligen Baum auch kleine Opfer. Wenn ihre Kinder krank waren, legten die Mütter Wolle und Brot unter den Wachholderbaum und sprachen folgenden Zauberspruch:

„Ihr Hollen und Hollinnen, hier bring ich Euch etwas zu spinnen und zu essen, und meines Kindes zu vergessen.“

Der Anknüpfungspunkt zum Holunder ist hier wiederum offensichtlich, mit dem wir uns jedoch an anderer Stelle noch ausführlich befassen werden. Beide Namen weisen zudem den Bestandteil „Hol“ für die alte Erdgöttin „Hola“ sowie „Dr“ für „Baum“ auf.

Der Zusammenhang mit den Themen Krankheit, Tod und Wiedergeburt zeigt sich auch im Märchen vom Holunderbaum (Machandelbaum), das uns durch die Gebrüder Grimm überliefert wurde und auch in Goethes „Faust“ kurz rezitiert wird. In verschiedenen Variationen erscheint diese Geschichte in unterschiedlichen europäischen Ländern, neben Deutschland auch in Frankreich, Schottland und in Großbritannien.

In der Version nach Grimm wünscht sich die Frau eines reichen Mannes beim Schälen eines Apfels unter dem Wachholderbaum ein Kind so rot wie das Blut und so weiß wie der Schnee. Beim Schälen hatte sie sich hierbei in den Finger geschnitten. Im Anschluss wird sie zwar tatsächlichschwanger, stirbt jedoch bei der Geburt des Sohnes und wird unter dem Baum begraben (zeitweise wie die Pflanzung von Wachholder auf Friedhöfen tatsächlich üblich, Bestattungen erfolgten auch unter Holundern).

Nach Einhaltung der Trauerzeit heiratet der Mann eine neue Frau, die ihm eine Tochter gebiert, den Stiefsohn jedoch hasst. Als die Tochter eines Tages einen Apfel (germanische Göttin Iduna, Symbol u.a. für das Leben, wir werden an anderer Stelle darauf zurückkommen) begehrt, bekommt sie ihn zunächst. Auf ihre Bitte hin, dass auch ihr Halbbruder einen Apfel erhalten möge, nimmt die Mutter der Tochter den Apfel wieder weg, um dem Bruder zuerst einen anzubieten. Dieser bückt sich sodann über die Truhe mit Äpfeln, um einen weiteren herauszunehmen. Wutentbrannt schlägt die Stiefmutter ihm mit dem Deckel den Kopf ab. Erschrocken setzt sie ihn danach wieder auf, bindet ihm zur Tarnung ein Tuch um den Hals und setzt ihn mit dem Apfel in der Hand vor das Haus. Da er der Mutter nicht mehr antwortet, muss die Tochter ihm eine Ohrfeige verpassen. Der Kopf fällt dabei dann leider ab. Sodann kocht die Frau den Stiefsohn in einem Kessel (vgl. Göttin Hola, Holunder) in eine Suppe und die Tränen ihrer Tochter fallen ebenfalls hinein. Der Vater ist zwar traurig, als er hört, dass sein Sohn plötzlich verschwunden sei, aber die Suppe lässt er sich dennoch schmecken.

Die Schwester sammelt die Knochen zusammen und legt sie weinend in ein Seidentuch unter den Baum an das Grab ihrer Mutter. Es wird daraufhin hell, die Wachholderzweige bewegen sich wie menschliche Hände und aus Feuer und Nebel erhebt sich ein schöner, singender Vogel. Die Knochen sind danach verschwunden. Der Vogel fliegt auf das Dach eines Goldschmieds, eines Schusters und auf einen Lindenbaum vor einer Mühle und singt dort. Für die Wiederholung seines Gesanges verlangt er eine Goldkette, rote Schuhe und einen Mühlstein. Danach begibt er sich wieder zum Wachholderbaum, was beim Vater Wohlbehagen auslöst, bei der Mutter jedoch Angst. Sodann wirft der Vogeldem Vater die goldene Kette um den Hals, der Schwester die roten Schuhe vor die Füße und der Mutter den Mühlstein auf den Kopf, was letztere zumindest überlebt. Der Sohn wirdsodann aus Dampf und Flammen wiedergeboren. Zuletzt essen die drei wieder vereint und vergnügt.

Auch in Pestzeiten besann man sich wieder auf die Wirkung des Wachholders und brachte ihn mit dem Pestheiligen Sankt Rochus in Verbindung. Abermals wurde fleißig geräuchert. „Eichenlaub und Kranewitt, dös mag der Teufel nit!“ ließ hierbei der Volksmund verlauten.

Tatsächlich ist das ätherische Öl des Wachholders stark keimtötend, was natürlich auch die Kombination mit anderen Pflanzen nahelegt, die ebenfalls immunstärkend wirken. Auch hier schließt sich abermals der Kreis zum Holunder. Beide Pflanzen gehören daher zu den wichtigsten Heilpflanzen in der bayerischen Volksmedizin.

Die bläulich-schwarzen Beeren können im Spätherbst gesammelt und direkt eingenommen werden. Das Kauen einer Beere kann Sodbrennen heilen. Über einen längeren Zeitraum eingenommene Beeren tragen zur Entgiftung und Entschlackung des Körpers bei. Aus den Beeren wird auch Öl gewonnen, das auf die Haut aufgetragen wird. Hier hilft es gegen Rheuma und andere Gelenkleiden, weiterhin gegen Hautausschläge und Schuppenflechte.

Ein aus den Beeren zubereiteter Tee wirkt stark harntreibend und entschlackend. Er fördert die Magen- und Darmsekretionen und ist daher auch bei entzündlichen Magen- und Darmerkrankungen hilfreich. Da der Tee die Nieren reizen kann, ist jedoch Nierenkranken und Schwangeren von der Verwendung abzuraten. Die beim Kochen von Zweigenund Nadeln entweichenden Dämpfe haben schleimlösende und antiseptische Wirkung auch bei Lungenentzündungen.

Ein Sud aus frischen Triebspitzen findet als belebendes Fußbad Verwendung und unterstützt zudem bei Kreislaufstörungen und Stauungen.

Artikel bewerten
(33 Stimmen)
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten