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Baum der Göttin Hola

Der Holunder – die Apotheke der bayerischen Bauern

Montag, 04 Januar 2021 01:44
Der Holunder ist und bleibt ein Mysterium. Der Holunder ist und bleibt ein Mysterium. Quelle: Johannes Kraus von Sande

Ingolstadt - Der Holunder (Sambucus nigra) ist der Baum der alten Göttin Hola, die uns im Märchen als Frau Holle begegnet. „Flieder“ wurde er im Volksmund teilweise auch genannt und war traditionell an jedem bayerischen Bauernhof vertreten. Keiner anderen Pflanze wurden so umfangreiche Heilwirkungen zugeschrieben, nur wenige Baumarten hatten eine vergleichbare magische Bedeutung. „Vor dem Holunder sollst du den Hut ziehen, vor dem Reckholder (Wachholder) das Knie beugen“, war eine alte Bauernweisheit.

Schneiden oder bewusst verletzen durfte man den Holunder keinesfalls. „Willst du aus dem Leben scheiden, tue den Holunder schneiden“, bemerkte hierzu der Volksmund in Bayern und darüber hinaus. Der Holunder stand in erster Linie im Zusammenhang mit dem bei Kelten und Germanen verbreiteten Glauben an die Wiedergeburt, wurde also mit dem Beginn des Lebens, seinem Ende und auch dem erneuten Eintritt in unsere Welt in Verbindung gebracht. Er war das Tor zur Anderswelt, dem Reich der Erdgöttin Hola. Unter dem Baum wurde nach einer Geburt die Nachgeburt vergraben, genauso gab es Bestattungen unter dem Holunderbaum (teilweise auch unter Wachholdern). Wie sich der hofeigene Holunder entwickelte, so verlief auch die Entwicklung der Kinder, prosperierte das gesamte Anwesen oder wurde von Unheil heimgesucht. Lange Zeit gab man den Toten noch einen Span vom Holunderbaum mit in das Grab. Die vorchristlichen Vorstellungen und Gebräuche rund um den Baum wurden auch nach der Christianisierung vielfach beibehalten und weiter praktiziert. Man ging ferner davon aus, dass der Holunder das Unglück anziehen und unter die Erde ziehen würde. Unter ihm befinde sich die Anderswelt, die man sich jedoch als geistige Welt und keinesfalls materiell vorzustellen hatte. Dort stehe der Kessel der Göttin Hola, in dem sich neben dem genannten Unglück früher oder später auch alles andere Irdische wiederfinden würde. Der Kessel spielt in der keltischen Mythologie in ähnlicher Form eine ganz entscheidende Rolle. Die Göttin rührt in ihrem Kessel alles Vergangene zusammen und im Anschluss entsteht daraus alles Neue, insbesondere natürlich auch neues Leben. Der Holunder war damit das beseelte Zentrum des ewigen oder besser zeitlosen Transformationsprozesses und des Kreislaufs des Lebens.

Am 06. Januar, am Ende der Raunächte, erscheint die Göttin Hola in dreifacher Gestalt. Das dreifache Erscheinungsbild von Göttern hatte in der Vorstellung der Kelten ebenfalls eine zentrale Bedeutung. Wie die Göttin selbst verhält sich auch ihr Baum, der Holunder. Im Frühjahr steht er in prachtvoller weißer Blüte, danach wechselt die Farbe der Beeren zu Rot und am Ende stehen die bekannten schwarzen Holunderbeeren. Alle magischen Wesen waren in seinem Umfeld zu finden, darunter in erster Linie Zwerge, Alben und Kobolde. Aber natürlich auch die eine oder andere Elfe konnte sich insbesondere in die duftenden Blüten des Baumes verirren. Hatte man Kummer oder Sorgen, bestand die Möglichkeit, diese an den Holunder zu hängen und damit aus der materiellen Welt zu schaffen. Hierzu wurden symbolhaft Gegenstände an den Baum gehängt, die diese Sorgen und Probleme verkörpern sollten. Auch Krankheiten konnte man dem Holunder übergeben. „Lieber Herr Flieder, i bring` dir mei Fieber“, war ein in diesem Zusammenhang weithin gebrauchter Spruch. Hier war der Holunder allerdings von der Göttin Hola bereits bewusst distanziert worden, eine Entwicklung, die den Bemühungen zur Christianisierung zu verdanken war. Oft erzählt wurde daher auch die Geschichte, dass sich Judas nach seinem Verrat an Christus am Holunder erhängt hätte, wobei dabei sein Ohr am Baum hängengeblieben sei. Der aus dem vermoderten Holunderholz herauswachsende ohrförmige Speisepilz trägt daher bis heute im Volksmund den Namen „Judasohr“. Nach erhaltener Hilfe bedankte man sich natürlich auch bei der alten Göttin und dem ihr geweihten Baum und gab als Anerkennung auch kleine Opfergaben. Beliebt waren insbesondere Milch, Wolle, Mehl, Brot, Honig, aber auch Getränke wie Bier. Man berührte den Holunder ganz bewusst, eine eigene Form der Meditation. Hatte man den Holunder und mit ihm die Göttin auf seiner Seite, war man vor allen bösen Geistern, vor dem „bösen Blick“ und vor Unheil geschützt. Auch Schutzamulette wurden aus dem Holz des Holunders gefertigt. Zum Holunder begab man sich vielfach bewusst wie zu einem Heiligtum, da unsere Vorfahren es bekanntlich ablehnten, ihre Götter in Tempel einzuschließen. Die Heiligtümer fanden sich daher unter freiem Himmel direkt in der Natur. Der Aufenthalt und die bewusste Kommunikation mit der Verkörperung der Göttin ermöglichten auch geistige Reisen in das Reich der Erdgöttin, wie wir es beispielsweise aus den Märchen der Gebrüder Grimm kennen. Ein Mädchen durchläuft bei Frau Holle einen Transformationsprozess, der an karmische Entwicklungenerinnert, wie wir sie ansonsten aus dem Hinduismus kennen. Der Holunder begleitete den Menschen also schicksalhaft durch sein gesamtes Leben, von der Wiege bis zur Bahre. Frau Holle hütete die Kinderseelen und brachte sie wieder in unsere Welt. Daher begaben sich schwangere Frauen bereits vor der Geburt in die Nähe von Holunderbäumen oder –büschen. Insgesamt hat der Holunderbaum also einen durchweg positiven Bezug zu allen Aspekten der menschlichen Existenz und verkörpert insoweit in Gestalt der Göttin Hola auch die mütterliche Liebe. Sie ist im ewigen Kreislauf der Wiedergeburt die gütige Hüterin der Seelen.

Die Heilwirkung des Holunders ist vielfältig, alle Pflanzenteile entfalten ihre eigene Wirkung. Auch in der bayerischen Küche finden Teile des Baumes Verwendung. Insoweit kann hierzu an dieser Stelle lediglich ein kleiner Überblick über die Vielzahl der Möglichkeiten gegeben werden. In der Küche werden vor allem die Blüten zu Holunderkücherl verarbeitet, ein Gericht, das ich sowohl von meiner Großmutter als auch von meiner Mutter, beide aus der Oberpfalz, bestens kenne. Ich liebe die herausgebackenen Teigkücherl bis heutesehr. Das Gericht müsste aus meiner Sicht in bayerischen Wirtshäusern viel mehr Verbreitung finden. Darüber hinaus wird aus den Beeren Sirup und Wein bereitet, wobei letzterer natürlich auch zu Hochprozentigem destilliert werden kann.

In der Alpenmedizin wirkt der Holunder vorrangig gegen Entzündungen und als Schweißtreiber gegen Fieber. Seine antivirale Wirkung ist klinisch belegt, eine Anwendung gegen Herpes, Gürtelrosen, Influenza, Covid-19 und sonstige Viren jeder Art ist möglich und sinnvoll. Insbesondere die Rinde entfaltet entzündungshemmende und auch schmerzstillende Wirkung. Die Rinde kann zudem als Brech- und Abführmittel verwendet werden. Rinde und Blätter werden extrahiert und auf die Haut gerieben. Die Blüten trocknet man und nimmt sie üblicherweise als Tee ein. Weiterhin ist eine Anwendung gegen Diabetes, Arterienverkalkung und auch zur Cholesterinsenkung möglich. Hierzu wird derzeit geforscht, genauere Ergebnisse stehen aber noch aus. Der Holunder hat seine Geheimnisse bislang noch nicht freigegeben, insbesondere welche seiner Inhaltsstoffe im einzelnen die inzwischen bewiesene Wirksamkeit hervorrufen. Der Holunder ist und bleibt ein Mysterium.

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