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Grüne Landtagsfraktion fordert „Sensibilität für den Umgang mit Nazi-Kunst“

„Nazi-Pferd“ von Josef Thorak in Landschulheim entdeckt

Sonntag, 16 August 2015 23:27
Teilansicht der zwei Bronzeplastiken "Schreitende Pferde" von Josef Thorak Teilansicht der zwei Bronzeplastiken "Schreitende Pferde" von Josef Thorak Quelle: wikimedia.org | Bundesarchiv, Bild 146-1985-064-24A / CC-BY-SA

Ising/Chieming - Ende Mai hatten Kunstfahnder des Berliner Landeskriminalamts mehrere Kunstwerke aus der Zeit des Dritten Reiches entdeckt und beschlagnahmt. Darunter befanden sich auch die beiden bekannten Bronze-Pferde des österreichischen Bildhauers Josef Thorak, der seinerzeit monumentale Kunstwerke im Auftrag der Reichskanzlei schuf. Die beiden bronzenen Rösser standen ab 1939 vor Hitlers Neuer Reichskanzlei in Berlin. Eine Nachbildung dieser Skulpturen hatte der Künstler als Schmuckstück für sein eigenes Münchner Atelier hergestellt.

Auf der Suche nach „Täterkunst“ haben Redakteure der „Süddeutschen Zeitung“ genau dieses dritte Pferd in Oberbayern ausfindig gemacht: im Hof des Gymnasiums Landschulheim Schloss Ising am Chiemsee. Wie das Blatt alarmistisch berichtet, steht das drei Meter hohe Pferd ohne erläuternde Texttafeln und damit unkommentiert auf dem Schulhof des Gymnasiums mit integriertem Internat.

Im Jahr 1961 hatte die Familie Thorak das im antiken Stil modellierte Pferd der Schule zur Deckung der Internatsgebühren ihres Sohnes übergeben. Somit ist die Skulptur Eigentum der Schule. Man sei sich „dieses Besitzes und der Herkunft des Werkes“ bewusst, erklärt die Schulleitung im Einvernehmen mit dem Zweckverband der Bayerischen Landschulheime. Nach Medieninformationen ist aber weder ein Verkauf noch ein Umzug des Werkes geplant, was mancher Redakteur zutiefst bedauert. Da die Schule mit einem benachbarten Reiterhof kooperiert, sieht man dort keinen Grund, die auch materiell wertvolle Pferde-Skulptur vom Schulgelände zu verbannen.

Wie der Zweckverband betont, sei das Thema NS-Kunst im Landschulheim in Chieming am Chiemsee längst pädagogisch aufgearbeitet worden. 2008 sei es in der Geschichtsarbeit „Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung der nationalsozialistischen Kunstauffassung unter Einbeziehung des Schaffens von Josef Thorak“ behandelt und die Arbeit auch noch mit dem Preis eines örtlichen Vereins bedacht worden.

Mit diesen Beteuerungen reagiert der Zweckverband offenbar auf massive Vorwürfe des kulturpolitischen Sprechers der Landtags-Grünen, Dr. Sepp Dürr. Dieser ließ am 10. August in einer Presseerklärung verlauten: „Bei der Schulleitung gibt es ganz offensichtlich nicht die nötige Sensibilität für den Umgang mit Nazi-Kunst.“ Eine unkommentierte NS-Skulptur im von bayerischen Schülerinnen und Schülern stark frequentierten öffentlichen Raum sei „untragbar“. Die CSU-Regierung müsse deshalb ihre Mitgliedschaft im Zweckverband nutzen, um Druck auf die Schulleitung auszuüben, forderte Dürr mit fast inquisitorischem Eifer. „Auf pädagogischer Ebene muss es eine breite Diskussion über den künftigen  Umgang mit der Skulptur geben. Am Standort selbst ist eine einordnende Kommentierung unerlässlich, wenn man die Skulptur partout auf dem Schulgelände präsentieren möchte“, so der Grüne.

Der politische Druck im Verein mit anklagender Medienberichterstattung hat nun Wirkung gezeigt: Im kommenden Schuljahr sollen Person und Werk Josef Thoraks Gegenstand des Unterrichts sein. Zum Umgang mit der „NS-Propagandaskulptur“, wie das Bronze-Ross von der „Süddeutschen Zeitung“ genannt wird, soll nun ein Konzept entwickelt und das Thema den Schülern so altersbezogen nahegebracht werden, teilte der Zweckverband Bayerische Landschulheime am Donnerstag mit.

So endet 70 Jahre nach Kriegsende das possenhafte Gezerre um ein bronzenes „Nazi-Pferd“ – vorläufig zumindest.

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