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Nach Lüth-Affäre im Bundestag:

Zunehmend gerät auch AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel unter Druck

Dienstag, 06 Oktober 2020 12:14

Berlin - Nach dem großen Skandal um menschenverachtende Äußerungen des ehemaligen Pressesprechers der AfD-Bundestagsfraktion Christian Lüth steigt der Druck auf den amtierenden Fraktionsvorstand um Dr. Alice Weidel und Dr. Alexander Gauland.

Zusätzlich wurde mittlerweile bekannt, dass Christian Lüth auch eine Frau L.F. körperlich massiv angegriffen hat. Nachdem in einem großen Teil der Presse zunächst Alexander Gauland in den Fokus der Kritik geraten war, häufen und konkretisieren sich nun die Vorwürfe insbesondere gegen die Co-Fraktionsvorsitzende Dr. Alice Weidel, auch der Bundesvorsitzende Tino Chrupalla gerät zunehmend in die Schusslinie.

Christian Lüth war in der Bundestagsfraktion und darüber hinaus seit Jahren als problematisch und exzentrisch bekannt, Kritik an seiner Person wurde gegenüber dem Vorstand auch offen formuliert. Mittlerweile äußerten sich auch ehemalige Mitglieder des AfD Bundesvorstandes und beklagten, dass ihre Warnungen, die teilweise schon Jahre zurückliegen, in keiner Weise ernst genommen worden seien, Konsequenzen seien ebenfalls nicht gezogen worden.

Da Alexander Gauland als eine Art „Ziehvater“ oder Gönner Lüths betrachtet wird, konzentrierte sich der Unmut zunächst auf ihn, da man auf der Basis der angeblich größeren Nähe zu Lüth unterstellte, dass zumindest ihm dessen extreme Gesinnung hätte bekannt sein müssen.

Da die Affäre in den Medien weiterhin hohe Wellen schlug uns sogar weltweit Aufmerksamkeit erlangte, war für die Partei ein erheblicher Ansehensverlust zu befürchten. Entsprechend stieg in der Partei in den letzten Tagen auch das Interesse nach umfangreicher Aufklärung und Benennung aller Verantwortlichen. Schon vergleichsweise früh drängte sich die Frage auf, warum insbesondere der Fraktionsvorstand bei offensichtlichem Vorliegen ausreichender Erkenntnisse nicht schon mindestens vor Monaten tätig wurde und eine endgültige Entlassung Lüths veranlasst hat.

Entsprechend formulierte beispielsweise der Fraktionsvorsitzende der AfD Rheinland Pfalz Uwe Junge in einem Schreiben an diverse Bundestagsabgeordnete: „Ich möchte nicht darüber spekulieren, warum die endgültige Entlassung Lüths nach dem letzten Vorfall (Faschist) ‚verschwitzt‘ wurde ….“

Bereits der Umstand, dass Uwe Junge den Begriff „verschwitzt“ in Anführungszeichen setzt, lässt erkennen, dass er in Wahrheit nicht davon ausgeht, dass der Fall Lüth nur zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten war. Vielmehr unterstellt auch er erkennbar andere Motivationen, aus denenangemessene Reaktionen nicht rechtzeitig und vor dem Eintreten des massiven Imageschadens für die Partei erfolgt sind.

Auf dieser Basis beschäftigte sich BAYERN DEPESCHE intensiver mit der Frage, wie es zum vorliegenden Ablauf der Ereignisse und insbesondere zur entsprechenden Zurückhaltung gegenüber Christian Lüth kommen konnte.

Gespräche mit Abgeordneten und ehemaligen Weggefährten in der Bundestagsfraktion und im Bundesvorstand ergeben ein teils irritierendes Bild.

Lüth hatte im Vergleich zu manch anderem Mitarbeiter vergleichsweise lange für den Bundesvorstand und die Bundestagsfraktion gearbeitet. Hierbei hatte er viele politische und personelle Veränderungen miterlebt und umfangreiche Informationen zu Personen und Internas der Partei erhalten. Insoweit verwundert es nicht sonderlich, dass seine Entlassung selbst nach gravierenden Fehlleistungen und Entgleisungen für etliche seiner Vertrauten und Weggefährten mit hohen Risiken behaftet war. Würde man ihn über Gebühr verärgern und provozieren, bestünde für viele hochrangige Beteiligte das Risiko weiterer unerwünschter Enthüllungen. Insoweit bestand zwischen ihm und hochrangigen Politikern der AfD ein Geflecht von finanziellen und persönlichen Abhängigkeiten, letztlich auch eine Situation wechselseitiger Erpressbarkeit.

Mittlerweile fällt auf, dass Lüth einerseits die Schuld soweit möglich auf sich selbst nimmt, andererseits aber auch versucht, seine Entgleisungen zu relativieren. Als politischer Extremist oder als Rechtsextremer möchte er trotz seiner entsprechenden Aussagen jedoch nicht wahrgenommen werden. Insgesamt ist er inzwischen auch ganz offensichtlich bemüht, weitere Unbill von der Partei und vom Fraktionsvorstand abzuhalten.

Hinter vorgehaltener Hand fallen jedoch Aussagen, die durchaus Potential für weitere Spekulationen und möglicherweise auch Enthüllungen liefern. Beispielsweise ist sogar von Geldangeboten die Rede, die Lüth dazu veranlasst haben könnten, die eine oder andere im Rahmen der Affäre verantwortliche Person besser oder schlechter aussehen zu lassen. Insbesondere auf Alexander Gauland soll auf diese Weise ein gar zu schlechtes Licht gefallen sein, während man sich anfänglich mit Verfehlungen Alice Weidels in der Angelegenheit wenig befasst habe. Auch den Bundessprecher Tino Chrupalla träfen inzwischen Versäumnisse, da er über Verfehlungen Lüths ebenfalls rechtzeitig informiert gewesen sei. Die ehemalige Bundessprecherin Frauke Petry schilderte mittlerweile umfangreich sowohl ihre Erfahrungen mit Lüth als auch ihre intensiven und erfolglosen Versuche, die Angelegenheit bereits vor Jahren in angemessener Form zu regeln. Diverse Aktionen Lüths, die in Richtung der Verharmlosung oder sogar Verherrlichung des Nationalsozialismus gingen, seien von der damaligen Führungsriege jedoch gedeckt worden.

Die Rufe nach Konsequenzen insbesondere auch für die Co-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel werden aus der Partei inzwischen deutlich lauter. Da Lüth zuletzt für die Bundestagsfraktion als Pressesprecher und Mitarbeiter verantwortlich war, trifft deren Vorsitzende erkennbar vorrangig die Schuld an der weiteren Beschäftigung Lüths und dem damit verbundenen Ansehensverlust für die Partei.

Da die Fraktionsvorsitzende Alice Weidel an einer Fortsetzung ihrer Karriere in der Partei sichtlich interessiert ist, wird an einer vollständigen Aufklärung ihrer Rolle in der Lüth-Affäre kein Weg vorbeiführen. Dies ist sie sowohl den Mitgliedern der AfD als letztlich auch der Öffentlichkeit schuldig.

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