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Beträchtliche Wartezeit-Unterschiede zwischen Großstädten und ländlichen Gebieten

Gesetzlich Versicherte warten 23 Tage länger auf Facharzttermine als privat Versicherte

Samstag, 09 Januar 2016 19:04
Gesetzlich Versicherte warten 23 Tage länger auf Facharzttermine als privat Versicherte Gesetzlich Versicherte warten 23 Tage länger auf Facharzttermine als privat Versicherte

München - Wie eine telefonische Umfrage im Auftrag der Grünen-Bundestagsabgeordneten Doris Wagner aus München ergab, müssen gesetzlich Krankenversicherte in Bayern durchschnittlich 23 Tage länger auf einen Termin beim Facharzt warten als Privatpatienten. Während privat Versicherte meist bereits nach sieben Tagen einen Termin bekommen, sind es bei gesetzlich Versicherten in der Regel 30 Tage Wartezeit.

Besonders benachteiligt sind Kassenpatienten laut der Erhebung in der Region Bayreuth, Bamberg und Hof sowie im Allgäu. Dort müssen gesetzlich Krankenversicherte im Durchschnitt 33 Tage auf einen Facharzttermin warten und damit 27 Tage länger als Privatpatienten. In Würzburg beträgt die Wartezeit-Differenz zwischen privat und gesetzlich Versicherten 24 Tage und in Augsburg 22 Tage. In der Landeshauptstadt München bekommen Kassenpatienten nach 23 Tagen einen Facharzttermin und haben bayernweit damit die kürzeste Wartezeit. Privatpatienten kommen hier aber schon nach vier Tagen zum Zug.

Ganz allgemein zeigt die Studie, dass gesetzlich Krankenversicherte in den Großstädten deutlich besser versorgt werden als in den ländlich-strukturschwachen Gebieten. Das liegt nach Auffassung der Bundestagsabgeordneten Doris Wagner an einer relativen Überversorgung der Großstädte mit Fachärzten, während Oberfranken, die Oberpfalz und das Allgäu tendenziell unterversorgt seien.

Doris Wagner kritisierte diese Ungleichbehandlung: „Es ist nicht hinnehmbar, dass es solche Unterschiede gibt, gerade für Kassenpatienten mit ernsthaften Problemen.“ Trotzdem nannte sie die bevorzugte Terminvergabe an Privatpatienten „nachvollziehbar“, weil Ärzte für deren Behandlung ein mehr als doppelt so hohes Honorar wie für einen gesetzlich Versicherten erhielten. Zurzeit sind etwa 85 Prozent der Deutschen gesetzlich krankenversichert und elf Prozent privat. Diese elf Prozent privat Versicherten sorgen aber für 25 Prozent aller ärztlichen Einnahmen.

Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) wies den Vorwurf zu langer Wartezeiten für Kassenpatienten zurück: „Insgesamt sind Wartezeiten auf Facharzttermine in Bayern allenfalls nur punktuell ein Problem.“ Auf Unverständnis stößt die Kritik auch bei Max Kaplan, dem Präsidenten der Bayerischen Landesärztekammer. Er glaubt nicht an derart große Unterschiede bei den Wartezeiten je nach Versichertenstatus: „Dass ein Kassenpatient drei Monate länger auf einen Termin warten muss, ist für mich unvorstellbar.“

Mitarbeiter der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hatten im Herbst letzten Jahres 350 Facharztpraxen in Bayern abtelefoniert. Sie riefen dort zweimal kurz hintereinander an und baten – einmal als Kassenpatient und einmal als Privatpatient – um einen zeitnahen Termin. Ausgewählt wurden Hautärzte, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Augenärzte, Neurologen, Radiologen, Kardiologen und Orthopäden. Etwa 30 Prozent der kontaktierten Praxen machten keinen Unterschied zwischen den Versicherten. In krassen Fällen unterschieden sich die Wartezeiten hingegen um mehr als 100 Tage.

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