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Unternehmerin vertritt den Stimmkreis Erding im Bayerischen Landtag

Ex-Staatsministerin Ulrike Scharf (CSU) fordert von jungen Frauen mehr Selbstbewusstsein

Donnerstag, 08 Oktober 2020 18:16
Die CSU-Landtagsabgeordnete Ulrike Scharf war Staatsministerin für Umwelt und Verbraucherschutz Die CSU-Landtagsabgeordnete Ulrike Scharf war Staatsministerin für Umwelt und Verbraucherschutz Quelle: CSU

Erding/München – Der Sprung in den Bayerischen Landtag war Ulrike Scharf (Jahrgang 1967) schon sicher, als sie sich im März 2013 bei der CSU-Nominierungskonferenz in Taufkirchen klar gegen ihren Gegenkandidaten Jakob Schwimmer durchsetzte. Der bisherige Stimmkreisabgeordnete überzeugte nur 79 Delegierte, die gebürtige Erdingerin aber 112 Parteifreunde. Mit einem so deutlichen Sieg hatte kaum jemand gerechnet, weil der Kreisvorsitzende Martin Bayerstorfer im Vorfeld der Wahlveranstaltung kräftig die Werbetrommel für Amtsinhaber Schwimmer gerührt haben soll. Der CSU-Kreischef dementierte freilich: „Von mir wurde niemand beeinflusst, auch wenn ich einen persönlichen Favoriten hatte.“

In Taufkirchen konnte Scharf bei den Delegierten mit einer leidenschaftlichen Bewerbungsrede punkten, in der sie ihr vielfältiges gesellschaftliches Engagement und ihre tiefe Verwurzelung in der Region hervorhob. „Ich bin Parteisoldatin“, versicherte die Diplom-Betriebswirtin und verwies auf ihre regen Basiskontakte sowie die Wiederbelebung der christsozialen Mittelstands-Union. Als Unternehmerin stehe sie mit beiden Beinen im Leben und sei voller Tatendrang. Bei der Landtagswahl im Herbst wolle sie nicht nur die Stammwähler der Partei überzeugen, sondern auch Wechselwähler gewinnen. Dass sie in der Zeit von 2006 bis 2008 als nachgerückte Listenkandidatin schon einmal dem Parlament angehörte, konnte sie im Sinne von Parlamentserfahrung zusätzlich ausspielen. Bei der Wahl im September 2013 holte Ulrike Scharf im Stimmkreis Erding satte 49,8 Prozent der Erststimmen.Damit gab ihr jeder zweite Wähler seine Stimme und ermöglichte ihr den erneuten Einzug ins Maximilianeum.

Schon ein Jahr später stieg die Abgeordnete im zweiten Seehofer-Kabinett zur Staatsministerin für Umwelt und Verbraucherschutz auf. Nach einer Ausbildung zur Bankkauffrau hatte sie ein Betriebswirtschaftsstudium absolviert und in Erding ein eigenes Reisebüro aufgebaut. Die Geschäftsführung des Unternehmens gab sie nach ihrer Berufung ins Ministeramt im Herbst 2014 sofort ab. Die CSU-kritische „Süddeutsche Zeitung“ wunderte sich über ihre Ernennung, musste aber einräumen, dass Scharf auf unterschiedlichsten Ebenen aktiv ist: „Von der Ebersberger Europaparlamentarierin Angelika Niebler übernahm sie den Vorsitz bei der oberbayerischen Frauen-Union und von der bayerischen Wirtschaftsministerin und Vorsitzenden der Oberbayern-CSU Ilse Aigner den Vorsitz bei der bayerischen Wasserwacht. Ulrike Scharf ist eine erfolgreiche Netzwerkerin. Eines dieser Netzwerke – und nicht das unwichtigste – ist das Präsidium der CSU, in das sie von Horst Seehofer überraschend im Jahr 2011 berufen wurde.“

Dass die Ministerjahre für die Mutter eines erwachsenen Sohnes nicht immer leicht waren, ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass sie eine erklärte Gegnerin der dritten Startbahn des Münchner Flughafens war. Das übernommene Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz deckt ein denkbar breites Themenfeld ab. Dazu gehört beispielsweise die Atomaufsicht, der Hochwasserschutz, die Artenvielfalt und die Lebensmittelsicherheit. Für die ja eigentlich Fachfremde war das Amt „eine sehr fordernde Tätigkeit, die mir aber auch viel Freude machte“. Sie habe in kürzester Zeit einen enormen Lernprozess durchlaufen: „Vergleichbar mit einem Jahr Intensivstudium mit täglichen Prüfungen.“ Gleichwohl machte die Ressortchefin eine gute Figur und erwarb sich die Anerkennung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen.

Deshalb sorgte es für Verwunderung, dass der neue Ministerpräsident Markus Söder sie nach seiner Kabinettsumbildung im Frühjahr 2018 nicht übernahm. Es war allgemein mit einem Verbleib im Amt oder einem Ressortwechsel gerechnet worden. Manche hatten sie schon als neue Wirtschaftsministerin gehandelt. Doch Söder warf sie raus. Trotz aller Enttäuschung zeigte sie sich als abgeklärter Polit-Profi und konstatierte: „Jeder, der in eine Position gewählt wird, weiß, dass es ein Amt auf Zeit ist. Wir bekommen vom Wähler Zeitverträge. Und da muss man sich vorher im Klaren sein, dass es rasch auch wieder vorbei sein kann.“ Die 1995 in die CSU eingetretene Unternehmerin zog dann diese Bilanz: „Ich habe wohl meine Arbeit doch dann ganz gut gemacht, sonst hätten viele nicht ihr Unverständnis geäußert, dass ich entlassen wurde.“

Scharf versicherte den Parteifreunden in ihrem Kreisverband, sich fortan noch stärker auf ihren Wahlkreis Erding zu konzentrieren, um bei der Landtagswahl im Oktober 2018 souverän wiedergewählt zu werden. „Es ist doch oft so: Wenn sich eine Türe schließt, öffnet sich eine andere“, sagte sie voller Zuversicht. Und so kam es auch: Bei der Landtagswahl holte sie mit 37,9 Prozent erneut die meisten Erststimmen und blieb somit Abgeordnete. Im Landtag ist die überzeugte Katholikin Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft, Landesentwicklung, Energie, Medien und Digitalisierung sowie des Ausschusses für Wohnen, Bau und Verkehr. In ihrer Fraktion gehört sie natürlich den thematisch zuständigen Arbeitskreisen an und ist darüber hinaus in der Arbeitsgemeinschaft Frauen der CSU-Landtagsfraktion aktiv. Das Thema Frauenförderung liegt ihr dabei besonders am Herzen.

Als am 8. März letzten Jahres wieder der Weltfrauentag begangen wurde, meldete sich auch die frühere Umweltministerin zu Wort. Sie war damals Bezirksvorsitzende der Frauen-Union in Oberbayern – inzwischen ist sie bayerische Landesvorsitzende des Frauenverbandes – und zeigte sich verärgert, dass der Frauenanteil im Bayerischen Landtag auf 26,8 Prozent zurückgegangen ist: „Der Landtag spiegelt unsere Gesellschaft derzeit nicht wider. Der Grund ist geschichtlich bedingt, da die Politik immer Männerdomäne war. Historisch betrachtet haben wir es schon ganz schön weit gebracht, aber trotzdem können wir mehr Frauen in die Mandate bringen.“ Für die Unterrepräsentanz von Frauen in der Politik machte sie auch bestimmte Veranstaltungsformen der Parteien verantwortlich: „Man muss auch Lust haben, am Abend an Stammtischen in Wirtshäusern zu sitzen. Das ist keine typische Abendbeschäftigung für eine Frau.“ Die 52-Jährige forderte junge Frauen auf, innerhalb und außerhalb der Politik selbstbewusster aufzutreten und sich auch Großes zuzutrauen: „Wichtig ist, dass wir das Bewusstsein schaffen, dass Frauen genauso wie Männern die Welt mit all ihren Möglichkeiten offensteht.“

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