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Migrationsdruck auf Europa wächst

Berlin-Institut warnt vor Bevölkerungsexplosion im Nahen Osten und Nordafrika

Donnerstag, 09 Juni 2016 15:56
Karte der für gewöhnlich zur MENA-Region gezählten Länder Karte der für gewöhnlich zur MENA-Region gezählten Länder Quelle: de.wikipedia.org | DanPMK | CC BY-SA 3.0

Berlin – Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung kommt in einer aktuellen Studie zur Mena-Region („Middle East & North Africa“; dt.: Naher Osten und Nordafrika) zu besorgniserregenden Ergebnissen, die zugleich wenig Hoffnung geben, dass durch die Migration aus diesem Gebiet ein nennenswertes unseren Standards gemäß ausgebildetes Fachkräftepotenzial abgeschöpft werden könnte.

Schon in der Einleitung der Untersuchung mit dem Titel „Krisenregion Mena – Wie demografische Veränderungen die Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika beeinflussen und was das für Europa bedeutet“ sprechen die Autoren davon, dass sich „das Bevölkerungspotenzial“ in der Region zwischen Marokko und dem Arabischen Meer zu einem „Risikofaktor“ entwickle – und zwar nicht nur für die dortigen Staaten, sondern auch für Europa. Bis zum Jahr 2030 werde die Bevölkerung in den Mena-Staaten von derzeit 363 Millionen auf 458 Millionen Menschen anwachsen.

Einen wesentlichen Grund für die Probleme der Mena-Region, die „zu den instabilsten Gebieten der Welt“ zähle, sehen die Autoren darin, dass die dortige Bevölkerung im Erwerbsalter wesentlich schneller wächst als die Zahl der Arbeitsplätze. Schon jetzt gingen nur 40 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung in den Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens einer geregelten Arbeit nach, obwohl mehr als ein Drittel der Bevölkerung über Abitur oder einen Hochschulabschluss verfüge.

Die Bildungsabschlüsse in den Mena-Ländern seien zwar „formal gestiegen“, heißt es in der Studie des Berlin-Instituts weiter, die Qualität der Bildung entspreche jedoch nur selten „den Anforderungen des 21. Jahrhunderts“. Die MINT-Fächer etwa, die für die internationale Wettbewerbsfähigkeit von entscheidender Bedeutung seien, spielten in der Region nur eine „untergeordnete Rolle“. Ebenso wenig werde die Bedeutung von beruflicher Qualifikation anerkannt. „Trotz steigender Akademikerquoten fehlen Fachkräfte mit wirtschaftsrelevanten Qualifikationen, weil sich die meisten Studierenden für Fächer entscheiden, die ihnen den Eintritt in den Staatsdienst ermöglichen“, schreiben die Autoren.

Der Direktor des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz, hält es angesichts der prognostizierten Bevölkerungszahlen für möglich, dass die sozialen und politischen Konflikte in der Region weiter zunehmen werden. Auch der Migrationsdruck auf Europa dürfte weiter steigen. „Laut aktuellen Prognosen drängen in den kommenden 15 Jahren jährlich fast fünf Millionen zusätzliche Kräfte auf den Arbeitsmarkt der Mena-Region. Diese Entwicklung betrifft auch uns in Europa. Wenn es nicht gelingt, diesen Menschen eine Perspektive auf einen Arbeitsplatz zu bieten, dürften die Flüchtlingszahlen aus der Region langfristig wieder ansteigen. Schlimmstenfalls könnten sich die Konflikte der Mena-Länder teilweise sogar nach Europa verlagern“, so Klingholz.

Konkretisierend heißt es dazu in der Studie „Krisenregion Mena“: „Aufgrund der geografischen Nähe und langjähriger politischer und wirtschaftlicher Verflechtungen hat die Mena Region für Europa eine hohe Bedeutung. Eine zunehmende Destabilisierung der Region würde einen konstruktiven Austausch weiter erschweren. Mit einem Anstieg der Flüchtlingszahlen aus Mena stiege auch die Gefahr terroristischer Anschläge und einer Verlagerung der dortigen Konflikte nach Europa.“

Innovatives Unternehmertum sei in der Mena-Region laut den Untersuchungen des Berlin-Instituts stark unterentwickelt. „Es fehlt an erfolgreichen, kleinen und mittelständischen Firmen, die weltweit die Job- und Wachstumsmotoren der Volkswirtschaften sind. Dagegen gibt es zahllose Kleinstunternehmen mit wenigen Beschäftigten und geringer Produktivität, die nur einfache Waren und Dienstleistungen anbieten“, schreiben die Autoren. Die Zahl von Firmenneugründungen sei, abgesehen von der afrikanischen Subsahara-Region, nirgendwo auf der Welt niedriger als in den Mena-Staaten. Neugründungen hätten es zudem schwer, sich gegenüber Staatsbetrieben sowie den vorhandenen Privatunternehmen mit ihrer oftmals engen Bindung an öffentliche Stellen durchzusetzen.

Obwohl das Berlin-Institut seine Hauptaufgabe darin sieht, wissenschaftliche Erkenntnisse für die Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger aufzubereiten, fanden die Ergebnisse der Mena-Studie bislang kaum Niederschlag in der medialen Berichterstattung. Möglicherweise liegt dies darin begründet, dass die Untersuchungen nicht dem gewünschten Bild entsprechen oder aber Migrationskritikern in die Hände spielen könnten. Für ein unabhängiges Medium wie BAYERN DEPESCHE sind dies allerdings keine Gründe, den eigenen Lesern die brisanten Zahlen und Fakten der Studie vorzuenthalten.

Letzte Änderung am Donnerstag, 09 Juni 2016 16:23
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