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Ein Kommentar von Johannes Kraus von Sande

Allesdichtmachen – der Skandal liegt in der Reaktion von Medien und Gesellschaft

Sonntag, 25 April 2021 23:53
Viele empfinden die Berichterstattung vor allem bei ARD und ZDF nur noch grenzwertig - eine Gesellschaft verliert ihre Meinungsvielfalt Viele empfinden die Berichterstattung vor allem bei ARD und ZDF nur noch grenzwertig - eine Gesellschaft verliert ihre Meinungsvielfalt Quelle: Johannes Kraus von Sande

Die Aktion „Alles dicht machen“, an der sich eine große Zahl an namhaften Künstlern der deutschen Kultur- und Medienlandschaft beteiligt hatte, sollte Politik und Gesellschaft wachrütteln und eine Diskussion über den Stellenwert von Kunst und Kultur in unserem Land auslösen. Weiterhin wurde eine kritische Reflexion der Corona-Maßnahmen angeregt und angestrebt. Das Ergebnis ist nun ein teilweise künstlich und gezielt aufgebauter Sturm der Entrüstung eines Großteils der Medien und von Teilen der Gesellschaft, die die beteiligten Künstler in die Nähe des Rechtsradikalismus rücken und versuchen, sie als Nazis, Aluhut-Träger oder Corona-Leugner zu diskreditieren. Man kann die im Einzelnen sehr unterschiedlichen Beiträge der Künstler für mehr oder weniger gelungen halten – ihr Standpunkt insgesamt ist jedoch absolut nachvollziehbar und der eigentliche Skandal liegt in der Reaktion auf ihr verzweifeltes Anliegen.

Es steht außer Frage, dass die Maßnahmen der Regierung sie seit langer Zeit in eine beinahe ausweglose Perspektivlosigkeit gestürzt haben. Der Mangel an Aufmerksamkeit und insbesondere auch an Einnahmen konnte durch die spärlichen Hilfen und warme Worte für den Kulturbereich nicht ausgeglichen werden. Vor allem aber die Erkenntnis, dass Kunst und Kultur in unserem Staate im Gegensatz zu Tankstellen und Supermärkten nicht als „systemrelevant“ eingestuft wurden, lässt die Barbarei erkennen, die in unserem Staate inzwischen an die Stelle der Kultur getreten ist. Das ehemalige Volk der Dichter und Denker wird auf das reine Dahinvegetieren im geistigen und kulturellen Dunkel reduziertund in jeder erdenklichen Form gespalten und gegeneinander aufgebracht. So geschehen auch durch die völlig überzogene und unangemessene Reaktion auf die Aktion „Alles dicht machen“. Während man ansonsten die angebliche „Vielfalt“ an jeder noch so absurden Stelle zum unverzichtbaren Staatsziel erklärt, sollen für den Kulturbereich einige wenige, systemtreue und staatlich alimentierte Künstler mit mäßiger Begabung den Anschein eines Kulturstaates bewahren.

Als Reaktion auf die ach so geschmacklose Aktion fordert der ebenfalls staatlich alimentierte eine oder andere Rundfunkrat bereits, dass die nun auffällig gewordenen Künstler im öffentlich-rechtlichen Rundfunk keinen Platz mehr haben dürftenParallelen zum Problem der „entarteten Kunst“ im Dritten Reich drängen sich auf, wobei dieser Vergleich wohl sogar noch eher verfängt, als der vergleichsweise absurde und unangemessene Versuch, die Künstler selbst in die rechte Ecke zu drängen.

Kernpunkt jeder Reaktion auf die Aktion der Künstler muss die Tatsache bleiben, dass ihre Kritik durchaus berechtigt ist. Sie sind von der Unfähigkeit der Bundesregierung existentiell betroffen, an Stelle eines phantasielosen und schon beinahe ewig anmutenden Lockdowns gezielte und alternative Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, die Situation treffend zu analysieren und weitaus überwiegende Kollateralschäden ihrer Maßnahmen zu erkennen und zu vermeiden. Eine Überwindung der Pandemie ist auf dieser Basis auf absehbare Zeit nicht möglich.

Die Abqualifizierung des verzweifelten Hilfeschreis aus der Kunstszene als „Wohlstandsverwahrlosung“ ist der eigentliche Skandal des Vorgangs. Die übermäßige Entrüstung mag jedoch auch vor Augen führen, dass die Kritik zutreffend war und sich der eine oder andere Verantwortliche tatsächlich getroffen fühlte. Für Kunstfreiheit, Ironie und Satire besteht eben nur so lange Verständnis, wie man seine eigene Rolle im Spiel nicht gefährdet sieht und Kunst staatliches Handeln nicht grundlegend und ernsthaft in Frage stellt.

Die an den Künstlern geäußerte Kritik, dass sie angeblich keine Lösungsvorschläge unterbreitet hätten, ist absurd. Zum einen ist dafür zuvorderst die Politik verantwortlich, zum anderen weist der eine oder andere feinsinnige und durchdachte Beitrag der Kampagne durchaus auch Wege zu neuen Perspektiven auf die Pandemie. In Zeiten der „Barbarei“, wie es der französische Philosoph Michel Henry auszudrücken pflegte, werden jedoch subjektive, emotionale und dadurch auch lebendige Botschaften nicht mehr verstanden. Letztere jedoch sind der wesenhafte Ausdruck nicht nur der Kunst, sondern des Lebens insgesamt.

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns
mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Das Rilke-Zitat im Beitrag Ulrich Tukurs ist das treffendste Kernstück der Kunstaktion und der geäußerten Kritik.

Die Ebene von Moral und Anstand haben vielmehr unzweifelhaft die Kritiker der Aktion selbst verlassen, in erster Linie die beteiligten Medienvertreter. Ihnen war das Hemd schlicht näher als die Hose, die Jobs in den Redaktionen sind ja sicher, soweit man sich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnt. Auf dem Altar des Opportunismus opfert man neben dem Anstand gerne auch die Grundprinzipien unserer Verfassung und ohne Zweifel auch die Meinungs- und Kunstfreiheit.

Die größte Herausforderung wird daher darin liegen, die bereits verfestigte Gesellschaftsform der „Barbarei“ zu überwinden. Ein notwendiger Weg, den die Politik bislang weder entdeckt, geschweige denn beschritten hätte.

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