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Affekt und Poesie

Der deutsche Philosoph PD Dr. Rolf Kühn schreibt über den Lyriker Johannes Kraus von Sande

Mittwoch, 21 April 2021 15:37
Der Lyriker und Musikkenner Johannes Kraus von Sande schreibt auch für BAYERN DEPESCHE. Der Lyriker und Musikkenner Johannes Kraus von Sande schreibt auch für BAYERN DEPESCHE. Quelle: Johannes Kraus von Sande

Freiburg im Breisgau - Lebensphänomenologische Hinführung zum Gedichtzyklus von Johannes Werner Kraus von Sande

Obwohl die Philosophie durch keine methodologische Vorentscheidung davon ausgeschlossen werden muss, in ihrer Begriffsarbeit eine Steigerung des Lebens durch das Ausloten des Denkbaren überhaupt zu sein, ist die lebendige Historialität unseres Pathos doch besonders an Poesie, Roman, oder Erzählung als Weisen des Imaginären oder gar Halluzinatorischen zu erkennen. Denn insofern der poetische Stil bzw. jede Textart im weitesten Sinne einer inneren "Vibration" gleicht, existiert auch ein pathischer Logos als "Wort des Lebens", worin sich das Leben als Affektivität vollzieht. Auf diese Weise enthält die Sprachreferenz zunächst kein äußeres Schauspiel, das vor unseren Augen abliefe, sondern sie realisiert sich diesseits von jeder Sichtbarmachung in unserer lebendigen Ursprungsstätte als rein affektive Hervorbringung im Sinne der Lebenspotenzierung. Lebensphänomenologisch lässt sich auf dieser letzten Ebene nicht mehr zwischen Wort und Leben bzw. Sprechen und Pathos unterscheiden, weil das Wort nicht mehr länger von einer "Metaphysik der Vorstellung" allein her verstanden wird, sondern von seiner originären Affektwirklichkeit her. Genau davon zeugen die Gedichte von J.W.  Kraus von Sande, so beispielsweise gleich zu Beginn "Was ist Leben ?": "Einst / spürten wir Leben / in uns / Betrogen noch nicht / Durch Wörter Dünkel."

Erzählt mithin jedes Wort seine affektive "Geburt im Leben", dann bedeutet jeder sprachliche Akt - und dies vornehmlich im Fall der Poesie - eine Selbsthervorbringung des Wesens dieses Lebens im Sinne einer Pro-duktion, wo die absolute Phänomenalisierung des immanenten Pathos stets die wesenhafte Modalisierung desselben Pathos als seine Selbstverwandlung ist. Damit ist die Befreiung von jenem Gewicht gemeint, mit dem das Leben unzertrennbar selbstaffektiv auf sich lastet, weil es sich niemals in seinem absolut passiblen Eigenwesen von sich selbst lösen kann.  Sofern Poesie und Literatur als Kunst die gelungene Verwirklichung dieser innerpathischen Historialität ist, beeinhaltet sie von eben diesem Innerpathischen her Glück und Freude. Dies gilt selbst da, wo sie Grausamstes berichtet, wie etwa bei Homer, wo die "Ilias" die Schrecken des Krieges trotz allem von einem tiefen Gefühl der inneren Ruhe begleitet sind. Kultur- wie sprachphilosophisch kann dazu bemerkt werden, dass alles Sprechen seit den anfänglichsten Mythen und Riten der Versuch wäre, das Unheimliche zu bannen. Denn in jedem poetischen Bild und Laut bleibt die Grundbewegung davon weiter bestehen: Das pathische Leben durchschreitet sein Sicherleiden in der Anstrengung als affektiver Selbstbeladenheit, um zu einer "Erleichterung" hinzufinden, wie alle dies gerade in der Poesie unmittelbar mitempfinden: "Nur Wolken kehren immer wieder / Und mit ihnen - Lebenslust", heißt es "An die Wolken" im Folgenden. Diese Bewegung des immananten Wesens "Leben", welches das "Sein" als verlangendes Begehren ist und in keinem Kunstbereich reiner exisitiert als in der Musik, ist anders gesagt das affektive Leben als Aufsteigen solchen Begehrens, so wie jede Musik aus dem Schweigen anhebt und dorthin zurückfällt. Im Emporsteigen als Hervorbrechen wird die Meta-Genealogie der absoluten Subjektivität erzählt, und eine lebendige Literatur- wie Sprachtheorie ist deren Analyse und Darstellung, die nichts mit den kausalen Dingveränderungen in der Natur zu tun hat. Die absoluten Modalisierungen des Pathos, welche ohne irgendeine Unterbrechung ständig stattfinden, sind wie eine Wanderung zwischen Gipfel und Abgrund. Denn im rein phänomenologischen Leben kann nichts aufgeschoben werden, sondern in der Absolutheit des jeweiligen Eindrucks, Gefühls oder Tuns ist die jegliche Affektion genau so, wie sie ist, und zwar in einer passiblenNotwendigkeit, die aller Freiheit voraus liegt. Dennoch kann letztere gerade daraus die Macht ihres Vermögens schöpfen, sofern es ohne lebendigen Trieb - als die mit ihrer eigenen Kraft beladene Affektivität - keinerlei Ermöglichung irgendeines Ereignisses gäbe. Insofern impliziert diese "Sprachtheorie" des Poetischen auch keine "Subjektphilosophie" im herkömmlichen Sinne, weil ein solch "pathisches Subjekt" als lebendiges Individuum nicht in den Bereich des Cogito als eines "Ich stelle (mich) mir vor" gehört, sondern in die absolut historiale Situiertheit des vollkommen passiblen Eingetauchtseins in das rein phänomenologische Leben, welches uns seine affektiven Strukturen ungefragt als sein inneres Erscheinenswesenauferlegt. Hier kann auch keine biographische oder geschichtliche Existenz über ihre "poetische" Essenz entscheiden, wie Sartre dachte, da in radikaler Weise vom rein absoluten Leben alles Maß-Gebliche schon entschieden ist, nämlich das Sicherproben als Sicherfreuen und Sichertragen, vor denen kein pro-jekthaftes Entweichen möglich ist. "Die Ewigkeit hat sich in ihrem Haar gefangen-/ unendlich wird, was uns die Sehnsucht gibt", sagt J.W. Kraus von Sande in seinem Gedicht  "An Aphrodite".

Die Durchdringung von innerer und äußerer Geschichte holt so ein, was wir die poetisch-phänomenologische Meta-Genealogie des Lebens nannten, die Historialität des jederzeit Möglichen für alles affektiv, pathisch oder sinnlich Erscheinende - nämlich die Umkehr ins Glück oder in die Selbstverneinung zu sein. So lehrt Dichtung gerade dem Denken, das Seiende nicht allein vom Zugriff des zergliedernden Verstandes her sehen zu wollen, sondern von der Weise seines Sich-Selbst-Sagens aus, welches ein anderes Hören erfordert. Aber die Voraussetzung ist dazu nicht nur ein Betroffen- oder Gelassensein in gewährender "Gestimmtheit", sondern das Erscheinen selbst in seinem lebendig sich nicht versagenden Wesen bleibt aufzusuchen, welches als selbstaffektive oder pathische Absolutheit zugleich das sich nie verweigernde "Ereignis" als Lebensgeburt ist. Wir haben daher nicht auf etwas zu warten, etwa auf einen "letzten Gott" oder einen "Seynsübergang" am Ende eines Weltalters als Geschichte, wie Heidegger meinte, sondern wir können die nie abreißende "Sprache" unseres originär gestifteten Lebens vernehmen - eine Sprache, die Wort und Schweigen in einem ist. Die Einheit dieses poetisch-affektiven "Logos"  in Beidem besteht im Rückverweis eines jeden sinnlich Erscheinenden in das abyssale "Sich-Vergessen" des Lebens hinein, welches durch keine Wiedererinnerung einzuholen ist, aber dennoch nicht weniger als effektiv ge-geben wirkt. Die "Spur" von Poesie, Sprache, Schrift, Zeichen, Bild oder Text führt auf diese Weise von einer transzendenten "Seins-Eröffnung" (Heidegger), von lebenspragmatischen "Sprach-Spielen" (Wittgenstein) oder von nie endenden "Sinn-Aufschüben" (Lacan, Derrida) zu einem "Wort des Lebens", welches nie etwas anderes als sich selbst in allen "Äußerungen" sagt: zurück zum reinen Wort der ur-anfänglichen Selbstgebung in deren vollkommen offenbarender "Selbstumschlingung", welche sich die sich-genügende Freude dieses Logos ist.

Dies durch die Gedichte von Johannes Werner Kraus von Sande inne hörend gewährt zu bekommen, wünschen wir all ihren Lesern.

 

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